Ludwig Uhland


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Ludwig Uhland
ohann Ludwig „Louis“ Uhland (* 26. April 1787 in Tübingen; † 13. November 1862 ebenda) war ein deutscher Dichter, Literaturwissenschaftler, Jurist und Politiker. Er hat bedeutende Beiträge zur Mediävistik geleistet, der Erforschung des Mittelalters, und war Abgeordneter im ersten gesamtdeutschen Parlament, der Frankfurter Nationalversammlung.






Der Castellan von Coucy


Nach Wikipedia ist der Kastellan von Coucy der Name eines Troubadour des zwölften Jahrhunderts, der um das Jahr 1188 gelebt haben soll. Ob es sich um ein Mitglied des Hauses Coucy handelt, ist nicht bekannt. Da ein Kastellan ein Verwalter ist, verbirgt sich hinter dieser Bezeichnung möglicherweise Guy von Coucy, nachweislich 1186–1203, der auf einer Überfahrt in das Heilige Land zu Tode kam. Es kann sich aber auch um Raoul I. de Coucy handeln, der im November 1191 vor Akkon, eine alte israelische Hafenstadt, fiel.
Im späten dreizehnten oder frühen vierzehnten Jahrhundert verfasste ein Autor namens Jakesmes Manuskripte zu dem Roman
du châtelain de Coucy et de la dame de Fayel. Diese Erzählung berichtet von der die tragischen Liebe eines gewissen Regnaut, des Herrn von Coucy zu der Dame von Fayel. Diese wurde von ihrem Gemahl gezwungen, das Herz des gestorbenen Geliebten zu verzehren und soll sich darüber zu Tode gegrämt haben. Im Jahr 1829 wurde dieses in 8265 Versen verfasste Werk von Georges-Adrien Crapelet übersetzt. Der Erzählung nach befand sich der Herr von Coucy im Jahre 1190 gemeinsam mit Richard Löwenherz auf dem Dritten Kreuzzug und starb im Jahr 1192 im Alter von 24 Jahren in Palästina. Das legt die Vermutung nahe, dass es sich um Raoul de Coucy handeln könnte. Francisque Michel und andere waren hingegen der Meinung, dass es sich bei dem Herrn von Coucy eher um Gui handeln müsse, der nachweislich mit Richard Löwenherz nach Jerusalem reiste.
(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kastellan_von_Coucy, abgerufen am 18.05.2020)

Der Castellan von Coucy

Wie der Castellan von Coucy
Schnell die Hand zum Herzen drückte,
Als die Dame von Fayel
Er zum ersten Mal erblickte.

Seit demselben Augenblicke
Drang durch alle seine Lieder
Unter allen Weisen stets
Jener erste Herzschlag wieder.

Aber wenig mocht’ ihm frommen
All die süsse Liederklage,
Nimmer darf er dieses hoffen,
Daß sein Herz an ihrem schlage.

Wenn sie auch mit zartem Sinn
Eines schönen Lieds sich freute,
Streng und stille gieng sie immer
An des stolzen Gatten Seite.

Da beschließt der Castellan,
Seine Brust in Stahl zu hüllen,
Und mit draufgeheft’tem Kreuze
Seines Herzens Schlag zu stillen.

Als er schon im heil’gen Lande
Manchen heissen Tag gestritten,
Fährt ein Pfeil durch Kreuz und Panzer,
Trifft ihm noch das Herze mitten.

„Hörst du mich, getreuer Knappe?
Wann dieß Herz nun ausgeschlagen,
Zu der Dame von Fayel
Sollst du es hinüber tragen!“

In geweihter, kühler Erde
Wird der edle Leib begraben,
Nur das Herz, das müde Herz,
Soll noch keine Ruhe haben.

Schon in einer goldnen Urne
Liegt es, wohl einbalsamiret,
Und zu Schiffe steigt der Diener,
Der es sorgsam mit sich führet.

Stürme brausen, Wogen schlagen,
Blitze zucken, Maste flittern,
Aengstlich klopfen alle Herzen,
Eines nur ist ohne Zittern.

Golden stralt die Sonne wieder,
Frankreichs Küste glänzet drüben,
Freudig schlagen alle Herzen,
Eines nur ist still geblieben.

Schon im Walde von Fayel
Schreitet rasch der Urne Träger
Plötzlich schallt ein lustig Horn
Sammt dem Rufe wilder Jäger.

Aus den Büschen rauscht ein Hirsch,
Dem ein Pfeil im Herzen stecket,
Bäumt sich auf und stürzt und liegt
Vor dem Knappen hingestrecket.

Sieh! der Ritter von Fayel,
Der das Wild ins Herz geschossen,
Sprengt heran mit seinen Dienern
Und der Knapp ist rings umschlossen.

Nach dem blanken Goldgefässe
Tasten gleich des Ritters Knechte,
Doch der Knappe tritt zurück,
Spricht mit vorgehaltner Rechte:

„Dies ist eines Sängers Herz,
Herz von einem fremden Streiter,
Herz des Castellans von Coucy,
Laßt dies Herz im Frieden weiter!

Scheidend hat er mir geboten:
Wann dieß Herz nun ausgeschlagen,
Zu der Dame von Fayel
Soll ich es hinüber tragen.“

„Jene Dame kenn’ ich wohl“ —
Spricht der ritterliche Jäger
Und entreißt die goldne Urne
Hastig dem erschrock’nen Träger.

Nimmt sie unter seinen Mantel,
Reitet fort in finst’rem Grolle,
Hält so eng das todte Herz
An das heisse, rachevolle.

Als er auf sein Schloß gekommen,
müssen sich die Köche schürzen,
Müssen gleich den Hirsch bereiten
Und ein selt’nes Herze würzen.

Dann, mit Blumen reich bestecket,
Bringt man es auf goldner Schaale,
Als der Ritter von Fayel
Mit der Dame sitzt am Mahle.

Zierlich reicht er es der Schönen,
Sprechend mit verliebtem Scherze:
„Was ich immer mag erjagen,
Euch gehört davon das Herze.“

Wie die Dame kaum genossen,
Hat sie also weinen müssen,
Daß sie zu vergehen schien
In den heissen Thränengüssen.

Doch der Ritter von Fayel
Spricht zu ihr mit wildem Lachen:
„Sagt man doch von Taubenherzen,
Daß sie melancholisch machen:

Wie viel mehr, geliebte Dame,
Das, womit ich Euch bewirthe!
Herz des Castellan’s von Coucy,
Der so zärtlich Lieder girrte!“

Als der Ritter dieß gesprochen,
Dieses und noch andres Schlimme,
Da erhebt die Dame sich,
Spricht mit feierlicher Stimme:

„Großes Unrecht thatet Ihr,
Euer war ich ohne Wanken,
Aber solch ein Herz geniessen
Wendet leichtlich die Gedanken.

Manches tritt mir vor die Seele,
Was vorlängst die Lieder sangen,
Der mir lebend fremd geblieben,
Hat als Todter mich befangen.

Ja! ich bin dem Tod geweihet,
Jedes Mahl ist mir verwehret,
Nicht geziemt mir and’re Speise,
Seit mich jenes Herz genähret.

Aber Euch wünsch’ ich zum letzten
Milden Spruch des ew’gen Richters.“
Dieses Alles ist geschehen
Mit dem Herzen eines Dichters.

Quelle: Frauentaschenbuch für das Jahr 1815; Herausgeber: Friedrich de la Motte Fouqué, Franz Horn, Caroline de la Motte Fouqué, Fr. Kind, L. Uhland, u. a.; Verlag Joh. Leonh. Schrag; Nürnberg; 1815


Don Massias


Don Massias aus Gallizien
Mit dem Namen:
der Verliebte,
Saß im Thurm zu Arjonilla,
Klagend um die Treugeliebte.

Einen Grafen, reich und mächtig,
Gab man jüngst ihr zum Genossen
Und den vielgetreuen Sänger
Hält man ferngebannt, verschlossen.

Traurig sang er oft am Gitter,
Machte jeden Wand’rer lauschen,
Theure Blätter, liederreiche,
Ließ er oft vom Fenster rauschen.

Ob es Wand’rer fortgesungen,
Ob es Winde hingetragen:
Wohl vernahm die Heißgeliebte
Ihres treuen Sängers Klagen.

Ihr Gemahl, argwöhnisch spähend,
Hatt’ es Alles gut beachtet:
„Muß ich vor dem Sänger beben
Selbst wann er im Kerker schmachtet?“

Einsmals schwang er sich zu Pferde,
Wohlgewaffnet, wie zum Sturme,
Sprengte nach Granada’s Grenzen
Und zu Arjonilla’s Thurme.

Don Massias, der Verliebte,
Stand gerade dort am Gitter,
Sang so glühend seine Liebe,
Schlug so zierlich seine Zither.

Jener hebt sich in den Bügeln,
Wuthvoll seine Lanze schwingend;
Don Massias ist durchbohret,
Wie ein Schwan verschied er singend.

Und der Graf, des Siegs versichert,
Kehret nach Gallizien wieder.
Eitler Wahn! es starb der Sänger,
Doch es leben seine Lieder;

Die durch alle span’schen Reiche
Tönevoll, geflügelt, ziehen,
Andern sind sie Philomelen,
Jenem nur sind sie Harpyjen.

Plötzlich oft vom Freudenmahle
Haben sie ihn aufgeschrecket,
Aus dem mitternächt’gen Schlummer
Wird er peinlich oft erwecket:

In den Gärten, in den Strassen
Hört er Zithern hin und wider,
Und wie Geisterstimmen, tönen
Des Massias Liebeslieder.


Quelle: Frauentaschenbuch für das Jahr 1815; Herausgeber: Friedrich de la Motte Fouqué, Franz Horn, Caroline de la Motte Fouqué, Fr. Kind, L. Uhland, u. a.; Verlag Joh. Leonh. Schrag; Nürnberg; 1815