Adolf Strodtmann


Adolf Strodtmann (* 24. März 1829 in Flensburg; † 17. März 1879 in Steglitz) war ein deutscher Dichter, Schriftsteller und Übersetzer.

Lieder an Henni


1.

Finster war die Nacht, in der ich lebte,
Seit die Heißgeliebte mir entschwebte,
   Die mir Licht und Lust und Leben gab.
Ach, mit ihr war all mein Glück verdorben,
Und es dünkte mich mein Herz gestorben,
   Und die weite Welt ein ödes Grab.


Trüb und traurig barg in stiller Klause
Ich mein Leid im blitzgetroffnen Hause,
   Das kein frohes Lachen mehr durchklang.
Meines Lebens Sonne war geschieden,
Und nach Liebe nimmer, — nur nach Frieden
   Seufzte meine Seele schwer und bang.

Sieh, da tratst auf meinen nächt’gen Wegen
Plötzlich du, o Holde, mir entgegen,
   Strahlend wie ein lichtes Engelsbild;
Von der Himmelsgüte Reiz umflossen, —
Und die lieben blauen Augen gossen
   Tröstung auf mich nieder süß und mild.

In der Hand den weißen Lilienstengel
Seh’ ich blinken; ja, dem Reich der Engel
   Bist du hehr und göttergleich entschwebt.
Und die Hände muß ich betend falten:
„Dank, o Götter, daß mit gnäd’gem Walten
   Ihr dies Kind von Edens Flur mir gebt!“

Und die Arme breit’ ich voll Verlangen
Aus nach Dir, dich liebend zu umfangen —
   Weh, da bist du wie ein Geist enteilt!
Doch die Welt liegt rings in Morgenhelle,
Und geweiht ist meines Hauses Schwelle,
   Drauf dein flücht’ger Elfenfuß geweilt.

Stürmisch fragt mein Herz mit süßem Schrecken:
Bist du nur ein Traumbild, das zu necken
   Und zu trügen meine Hoffnung kam?
Göttliche, o kehr zurück, erwähle
Dir zum Tempel diese Menschenseele,
   Die entzückt den Himmelsruf vernahm!

2.

Und immer noch frag’ ich: Ach, bist du ein Traum?
   Denn wie Träume kommst du und gehst du;
Auf all meine Fragen erwiderst du kaum,
   Und all meine Küsse verschmähst du!

Du huschest herein und du huschest hinaus,
   Wie Irrwischflämmchen entschweifen;
Du jagst dich mit mir durch Garten und Haus,
   Und läßt dich nicht fassen und greifen.

Du süßes, du liebliches Schelmengesicht,
   Und will ich dich küssen und herzen,
So sträubst du und sperrst dich und leidest es nicht,
   Und entfliehst unter Lachen und Scherzen.

Du süßes, du liebliches Schelmengesicht,
   Mit der lerchenliedzwitschernden Kehle: —
Was Lieb’ ist, du Kobold, das weißt du wohl nicht,
   Und hast keine menschliche Seele?

O hüte dich, hüte Dich, Schelmengesicht,
   Schon hat dich die Liebe beim Schopfe!
Das kühle Herzchen, sie achtet es nicht,
   Noch den klugen Verstand in dem Kopfe.

Das kühle Herzchen brennt lichterloh,
   Der kluge Verstand geht auf Reisen —
Und kehrt er wieder, so wird er froh
   Die Lieb’ als Herrscherin preisen!

3.

Neckisch fragst du: “Bin ich
   Solch ein störrig Kind,
Sag: wie kommt’s, daß Alle
   Dennoch gut mir sind?

„Sag: wie kommt’s, daß stets ich
   Aller Liebling bin,
Daß mit mir zu scherzen
   Jedem dünkt Gewinn?“ —

Lose Schelmin, höre,
   Was der Dichter spricht,
Der vom Buch der Räthsel
   Alle Siegel bricht.

Sieh, du gleichst der Quelle
   Tief im Waldesgrund,
Die da süß und helle
   Klingt wie Kindermund;

Die ein Lied verkündet,
   Das in jeder Brust
Neu die Gluth entzündet
   Todter Jugendlust;

Die in jedem Herzen
   Einen Traum erweckt,
Den mit bittren Schmerzen
   Längst das Grab bedeckt.

Sollen Sie’s nicht danken,
   Daß in deinem Lied
Sterne, die versanken,
   Neu ihr Auge sieht?

Daß aus deiner Weise
   Tönt ein holder Klang,
Welchen süß und leise
   Jeder Mund einst sang,

Eh’ der Ton verhallte,
   Eh’ der Stern erblich,
Eh’ der Lenz entwallte
   Und die Lieb’ entwich! —

Darum sei gepriesen,
   Eh’ dein Zauber flieht,
Gruß von Paradiesen,
   Jugendwunderlied!

4.

Du sagst: „Ich bin ein loser Schalk,
   Den kirrst du schwer, o glaube!
Und nimmer wird der wilde Falk
   Zu einer sanften Taube.

„Trotz allem Sträuben, Flehn und Schrein,
   Du mußt, soll es dir nutzen,
Wohl gar dem armen Vögelein
   Die Flügel weidlich stutzen.“

O nein! die Liebe lacht und spricht:
   Wer möchte so dich zwingen?
Solch arger Vogler bin ich nicht,
   Heil lass’ ich dir die Schwingen.

Ein güldnes Ringlein heft’ ich nur
   Dir an die Flügelspitzen;
Das wird, wenn du durchschweifst die Flur,
   Im Sonnenscheine blitzen.

Und unsichtbar ein Zauberband
   Ist an dem Ring befestigt,
Das, ob es auch den Reif umspannt,
   Dich drückt nicht, noch belästigt.

Frei in den Lüften regst du dann
   Dein schimmerndes Gefieder; —
Doch zieh’ ich leis das Kettchen an,
   So fliegst du rasch hernieder,

Und wirst dich fromm nach Taubenart
   Mir auf der Schulter wiegen,
Und bald dein Köpfchen weich und zart
   An meine Wange schmiegen.

Die Lieb’ ist auch ein loser Schalk,
   Sie kirrt dich schon, o glaube!
Und bist du heut ein wilder Falk,
   Sie schafft dich doch zur Taube!

5.

(Sie spricht:)

„Du fragst so stürmisch,
   Du böser Mann,
Ob ich dich liebe?
   Was ficht dich an!
Wie soll ich’s wissen,
Und dir es künden,
Da ich mich selber
   Nicht fassen kann?

„Sonst hab’ ich lustig
   Die Welt durchschwirrt —
Nun stockt mein Odem,
   Mein Auge flirrt!
So groß das Leben,
So fremd die Wege!
Ach, hat mein Fuß sich
   Denn ganz verirrt?

„Ich seh’ dich gerne —
   Was willst du mehr?
Mit dir zu scherzen
I   st mein Begehr.
Allein dich küssen,
Und mit dir kosen,
Und zärtlich flüstern,
   Das fällt mir schwer.

„Nie hab’ ich ernst mir
   Die Welt beschaut,
Und lachen muss ich,
   Nennst du mich „Braut.“
Dann wirst du traurig,
Und schiltst mich Thörin,
Und drohst zu scheiden —
   O schlimmer Laut!

„Ach, wenn du schiedest,
   So raubt’ ich hier
Aus deinem Garten
   Ein Blümchen dir.
Und wenn’s verwelkte,
So käm’ ich wieder,
Dich selbst zu stehlen
   Auf ewig mir!

„Mußt dich gedulden
   Fein still und sacht!
Kann Ja nicht sagen,
   Bis ich erwacht —
Doch Nein dir sagen
Könnt’ ich wohl nimmer,
Dann wär’ ja Alles
   Mir finstre Nacht!

„Nun rathe selber,
   Wie mir zu Sinn,
Ob ich dich liebe
   Und gut Dir bin?
Und kannst du’s rathen,
Und kannst du’s deuten,
Und mir es dünken,
   So nimm mich hin!“

6.

Weißt du noch, wie mir dein Mund
   Streng die Lippen wehrte,
Als zu küssen ohne Grund
   Jüngst ich ihn begehrte?

Leis erröthend hast du mir
   Lipp’ und Wang’ entzogen,
Und ich war drum minder dir
   wahrlich nicht gewogen.

Sprudelnd floß der Rede Quell
   Uns im Seelentausche,
Und wir merkten nicht, wie schnell
   Uns die Zeit verrausche.

Sprachen viel und sprachen lang,
   Tief aus Herzensgrunde,
Bis zum Aufbruch mahnend klang
   Uns die Trennungsstunde.

Wie ich nun als Cavalier
   Meine Pflicht erfüllte,
Und den Mantel sorglich dir
   Um die Schultern hüllte,

Bogst du hold dein Haupt zurück,
   Sanft wie Turteltauben,
Und ich durfte dir — o Glück! —
   Sacht ein Küßchen rauben.

Und ich fühlte: Was dem Zwang
   Jungfräulich sich wehret,
Wird im Liebesüberschwang
   Froh und frei bescheeret.

7.

(Sie spricht:)

„Fortgewandert bin ich in ein fremdes Land,
Seine Sprache dünkt mich halb noch unbekannt.

„Nun vor meinen Blicken plötzlich ragt ein Thor,
Und mit zagem Herzen steh’ ich still davor.

„Räthselthor, was birgst du — Täuschung oder Glück?
Ein Weg führt hindurch nur, keiner führt zurück.

„Soll ich heimwärts wandern jetzt zum alten Port?
Ach, der alten Heimat Blüthen sind verdorrt.

„Hinter mir verwehte meines Pfades Spur,
Und verschmachten würd’ ich auf der öden Flur.

„Manche meiner Schwestern sind hindurchgewallt,
Lang ist in der fremden Stadt ihr Tritt verhallt.

„Keine gab mir Kunde, wie’s ihr drin gefiel,
Ob sie dort gefunden ihrer Sehnsucht Ziel.

„Nur von fern herüber schallt ein dunkler Sang
„„Mußt dein Herz befragen, ob dir’s räth den Gang.““

„Herz, mein Herz, was pochst du gar so unruhvoll?
Weiß nicht, was dein Pochen mir bedeuten soll.

„Herz, mein Herz, was hebst du mir so hoch die Brust?
Nur die Lieb’ ist Leben, nur die Lieb’ ist Lust!

„Nun, so will ich schreiten fröhlich durch das Thor,
Denn der Liebe Engel hält die Wacht davor.

„Er der mich begleitet aus der Heimat Aun,
Wird im fremden Land mir Heimatshütten baun.

8.

Das war eine herrliche Liebesnacht,
      Die wir durchwacht
   Mit süßem Plaudern und Kosen!
Die Wanduhr tickte, dein Mütterchen schlief,
Durch das stille Dorf nur der Wächter rief,
      Doch im Herzen tief
   Erblühten uns flammende Rosen.

Von den Bäumen fiel das raschelnde Laub,
      Dem Herbst zum Raub,
   Und der Wind pfiff über die Haide.
Wir aber wandelten, Hand in Hand,
Durch künftiger Tage Zauberland,
      Und vor uns stand
   Die Welt im Frühlingsgeschmeide.

Es war das Herz dir so reich und voll,
      Daß es überquoll
   Von losen, lieblichen Scherzen.
„Und bin ich dein Frauchen“, so riefst du aus,
„Dann führ’ ich das Zepter gar streng im Haus,
      Dann darfst du — o Graus! —
   Mich nimmer küssen und herzen.“

Doch als ich dir lachend ins Auge sah,
      Wie ward dir da
   Von Purpur die Wang’ übergossen!
Dein Necken verstummte, dein Stolz entwich,
Mit beiden Armen umschlangst du mich:
      „Wie lieb’ ich dich!“
   Und hieltest mich fest umschlossen.

Ein letzter Kuß noch! dann stürmt’ ich hinaus,
      Und eilte nach Haus
   Durch des Herbstwinds schaurig Getriebe.
Doch wie silberne Glöckchen hell und rein
Erklang der Ruf mir ins Herz hinein:
      „Du mein! ich dein!“
   O Frühlingswunder der Liebe!

9.

Nein, Das heiß’ ich mir ein Wunder,
   Wie es nur die Liebe thut!
Steht die kühle Maid jetzunder
   Schon in lichter Flammengluth!

Während sonst dein Herz mit Bangen
   Jedem Brief entgegen sah,
Fragst du jetzo voll Verlangen
   Täglich: „Ist kein Briefchen da?“

Wolltest lange nicht erwarmen,
   Jeder Kuß erschreckte dich —
Aber heut, mit weichen Armen
   Mich umhalsend, küßt du mich!

Und derweil ich deine Grüße
   Sonst zu holden Liedern spann,
Fängt mir selber meine süße
   Henni jetzt zu dichten an!

Ja, wir haben unsre Rollen
   Mählich ganz und gar vertauscht,
Und ich hab’ an deinen tollen
   Versen köstlich mich berauscht.

Muß ich nun die Kunkel nehmen,
   Kinder wiegen, Köchin sein?
Oder willst du dich bequemen,
   Auch noch Diesem dich zu weihn? …

Engelskind aus Paradiesen,
   Unsichtbare Zauberkraft,
Liebe, Liebe sei gepriesen,
   Welche solche Wunder schafft!

10.

(In ihr Album.)

   Du ew’ge Macht, die über Sternen thronet,
Und in des Herzens tiefster Tiefe wohnet:
Gieb, daß sich diese junge Mädchenseele
In mir den rechten Stab und Führer wähle;
Daß ich mit ihr den goldnen Pfad beschreite,
Der uns zu allem Guten, Schönen leite;
Daß ich der Liebe reine Himmelsblüthe
Vor Sturm und Frost und Brand uns treu behüte;
Daß mein Glück ihr Glück sei, und sonder Klage
Ich lächelnd ihre Last zu meiner trage!

   O laß mein Herz nicht irren und nicht wanken,
Ihr weh nicht thun in Worten, noch Gedanken;
Laß starken Armes mich mein Lieb erheben,
Und mit ihr in das Reich der Dichtung schweben,
Daß sich die Wirklichkeit uns hold verschöne,
Und alles Leid des Liedes Macht versöhne,
Wär’ uns ein finstres Wetter je beschieden,
So sei mein Theil der Kampf, Ihr Theil der Frieden,
Auf daß durch mein Verschulden ihrer Seele
Im Kranz der Freuden keine Blüthe fehle!

11.

(Sie spricht:)

„Ich las deine Lieder — o wonnige Lust!
Wie hallen sie wieder mir tief in der Brust!

„Es tönen die Klänge so weich und so warm,
Mir ist, als umschlänge mich liebend dein Arm;

„Als müßt’ ich dir geben mein Sinnen und Sein,
Als müßt’ ich mein Leben alleinzig dir weihn;

„Und müßte dir klagen, was bang mich bedrückt,
Und müßte dir sagen, was hoch mich entzückt.

„O, wollt’ es gelingen, was süß mich durchzieht,
In Worte zu bringen, so würd’ es ein Lied.

„Das sollte dir danken mit freudigem Klang,
Und hold dich umranken im Wechselgesang.

„Doch eh’ ich zu bannen die Worte gewußt,
Entfliehn sie von dannen aus pochender Brust.

„Ach decken die Grüfte sie ewig mit Nacht?
Ach, haben die Lüfte zu dir sie gebracht?

„Noch eh’ ich gesungen, verhallte mein Sang,
Das Lied ist verklungen, bevor es erklang!

„So laß mich dir geben mich selber allein,
Mein Herz und mein Leben, mein Sinnen und Sein.

„Das soll dich umtönen mit fröhlichem Schall,
Das magst du verschönen mit lieblichem Hall!

„Und nimmer wohl bliebe das Glück uns verwehrt,
Wenn Leben wie Liebe zum Lied sich verklärt,

„Wenn Lieb’ uns und Leben mit seligem Klang
Von selber sich weben zu hehrem Gesang.“

12.

   Wenn uns der Menschen eitle Gunst
Verläßt in wintertrüben Tagen,
So wird versöhnen unsre Klagen
   Die Schmerzenströsterin, die Kunst.
Es hat ein Strahl von ihren Weihen
   Uns Beiden ja die Stirn umflammt:
Dich rief sie in der Tonkunst Reihen,
   Mich zu der Dichtung heil’gem Amt.

   Eil ans Klavier, heb an mein Lied,
Stürm durch die Tasten wild und wilder!
Schau, wie die Fluth der goldnen Bilder
   Dein Spiel mir aus der Seele zieht!
Der schöne Gott, der Herzerweicher,
   Tritt vor uns Beide strahlend hin —
Laß sehn, ob du an Klängen reicher,
   Ob Reicher ich an Liedern bin!

   Verklärend werde Leid und Glück
Von Dichtung und Musik umsponnen!
Es spiegelt reiner Schmerz und Wonnen
   Der Zauberquell der Kunst zurück.
Klingt nicht von deiner Thränen Flusse
   Der Nachhall meiner Poesie?
Und lodert nicht von meinem Kusse
   Die Gluth in deiner Melodie?

   O Schöpfungsmacht, die nimmer flieht!
O Liebeswunder, das nicht endet!
Dein wild Allegro ist vollendet,
   Und schau — vollendet ist mein Lied!
Wir standen in der Götter Reigen,
   Hoch über Wechsel, Staub und Zeit …
Ein Blick noch — und der Rest ist Schweigen
   Im Wonnenmeer der Seligkeit!

13.

Du trautest Kind, das mir sein Herz ergeben,
Es ist dein Herz ein Blatt voll künft’gem Leben,
   Das rein und hell im Morgenwinde bebt: —
Ein Blatt, drauf wenig Namen deiner Lieben,
Der Eltern und Geschwister, eingeschrieben,
   Und sich ein einzig schwarzes Kreuz erhebt.

Ihr Schicksalsmächte in den Himmelsauen,
Wollt ihr dies edle Herzblatt mir vertrauen,
   Daß meine Hand ihm sein Verhängniß schreibt:
So leiht die Kraft mir, daß zu holden Zügen
Sich dichtgereiht der Liebe Lettern fügen,
   Und fleckenlos sein duft’ger Schimmer bleibt!

O, wollt Erhörung meiner Bitte senden,
Daß, wenn der Tod den Griffel aus den Händen
   Mir nimmt, ich sagen darf mit stillem Glück:
„Dies Herzblatt, das ihr mir befahlt zu lieben,
Ich hab’ es bunt und kraus vielleicht beschrieben,
   Doch bring’ ich’s rein und unentweiht zurück.“

14.

(Am ersten Jahrestage des Hochzeitsfestes.)

   Ein Jahr ist hingeschwunden —
Wie schnell es schwand, wir fassen’s kaum.
   Was wir gelebt, empfunden
   In seinen flücht’gen Stunden,
Es dünkt uns fast ein goldner Traum.

   Seit ich zuerst, du Reine,
Dein liebes Auge leuchten sah,
   Das mit verklärtem Scheine
   Auf mir geruht, — ich meine,
Daß mir Das gestern erst geschah!

   Erst gestern, mein’ ich, fanden
Die Herzen sich auf immerdar,
   Und liebe Hände banden
   Den Myrtenkranz, und wanden
Den Schleier dir ins volle Haar.

   Ach, Alles ist gekommen
Viel schöner gar, als wir’s gedacht!
   So oft ein Tag verglommen:
   Er hat uns Nichts genommen,
Und immer neues Glück gebracht.

   Ob längst die Hochzeitskerzen
Der sel’gen Nacht erloschen sind:
   Stets dünkt uns, Herz an Herzen,
   Daß unter Lust und Schmerzen
Erst heut der Liebeslenz beginnt.

   Und wenn durch Haus und Garten
Erschallt dein heller Lerchensang:
   Noch heute kaum erwarten
   Kann ich der froh erharrten,
Der süßen Vogelstimme Klang.

   Gestillt ist jedes Sehnen,
Kein Räthsel giebt es mehr zu schaun —
   Un doch in Wonnethränen
   Zerfließen wir, und wähnen,
Noch Etwas bliebe zu vertraun.

   O holdes Liebesleben,
Du schaffst die Welt zum Paradies,
   Wo Zauberkräfte weben,
   Und Wunder uns umgeben,
Die Gott den ersten Menschen wies!


Quelle: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Band I, 1867/68, Seiten 554-560 und 690-695, Herausgeber: Ernst Dohm und Julius Rodenberg; Verlag von A. H. Payne, Leipzig

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