Anastasius Grün


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Anastasius Grün
raf Anton Alexander von Auersperg (* 11. April 1806 in Laibach; † 12. September 1876 in Graz; Pseudonym: Anastasius Grün, slowenisch Zelenec) war ein österreichischer Politiker und politischer Lyriker. Er war ein einflussreicher und gefeierter Vertreter der österreichischen liberalen politischen Poesie und galt als Vorkämpfer für die Freiheit in der Zeit des Vormärz.





Volkslieder aus Krain

Nachlese

Reif

Nächtens ist ein Reif gefallen
Auf das grüne Wiesenland,
Hat versengt den ganzen Rasen,
Hat die Röslein all’ verbrannt.

Doch was frag’ ich um die Röslein,
Ob sie auch der Reif verzehrt;
Leid nur thut mir’s um die Liebste,
Die von mir sich abgekehrt.

In der Mitte meines Herzens
Hab’ ich eine Rose blüh’n,
Wenn du säumst sie zu begießen
Muß sie welken und verglüh’n.

„Ei, womit soll ich sie gießen?
Hab’ nicht Wasser, hab’ nicht Wein,
Kann sie einzig nur begießen
Mit den hellen Thränen mein.“

Ladislaw

Ladislaw befragt den Stern des Morgens:
Liebes Sternlein, Töchterlein des Himmels,
Sage, was beginnt frühmorgens Minka,
Wenn um’s Haupt das Schleiertuch sie legte?

Drauf antwortet ihm der Stern des Morgens:
Lieber Junge, wenn erwacht ist Minka,
Wenn um’s Haupt ihr Schleiertuch sie legte,
Blickt vom Fenster sie zu mir in Thränen,
Dann die Augen richtet sie gen Westen.

Freud’gen Ruf’s drauf Ladislaw erwiedert:
Gut ist’s, daß sie blickt zum Stern des Morgens,
Das bezeugt mir, daß sie reinen Herzens,
Gut ist’s, daß sie blickt zu ihm in Thränen,
Das bezeugt mir, daß sie sanften Sinnes;
Doch am besten, daß sie blickt gen Westen,
Denn im Westen steht ja meine Hütte.

Mutter und Tochter

Heimwärts kommt die Tochter, — war beim Liebsten, —
Roth sind ihre Hände. Fragt die Mutter:
Tochter, warum sind dir roth die Hände?
Spricht die Tochter: Weil ich pflückte Rosen.

Heimwärts kommt die Tochter, — war beim Liebsten, —
Roth sind ihre Lippen. Fragt die Mutter:
Tochter, warum sind dir roth die Lippen?
Spricht die Tochter: Weil ich aß Erdbeeren.

Heimwärts kommt die Tochter, — war beim Liebsten, —
Bleich sind ihre Wangen. Fragt die Mutter:
Tochter, warum sind dir bleich die Wangen?
Ruft die Tochter: Grabt ein Grab, o Mutter,
Legt hinein mich, pflanzt darauf ein Kreuzlein,
Schreibt auf’s Kreuz dann was ich jetzt euch sage:
Heimwärts kam sie einst mit rothen Händen,
Die geröthet von des Liebsten Handschlag;
Heimwärts kam sie einst mit rothen Lippen,
Die geröthet von des Liebsten Küssen;
Heimwärts kam sie dann mit bleichen Wangen,
Die erbleicht sind durch des Liebsten Untreu.

Quelle: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Band I, 1867/68, Seiten 406-407, Herausgeber: Ernst Dohm und Julius Rodenberg; Verlag von A. H. Payne, Leipzig


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