Emanuel Geibel


Franz Emanuel August Geibel (* 17. Oktober 1815 in Lübeck; † 6. April 1884 ebenda) war ein deutscher Lyriker.

Charmion

Elegie

Täglich Gestöber und Sturm und wiederum Sturm und Gestöber!
   Ewig bewölkt, bleischwer lastet der Himmel herab;
Kniehoch liegen die Gassen verschneit und es ächzt, nur mühsam
   Durchs Pfadlose die Bahn wühlend, das schwere Gespann.
Kaum noch dem leichteren Schlitten gelingt die gefährliche Reise,
   Oft einsinkend im Schnee strauchelt das klingelnde Roß.
Und so sitz' ich zu Hause gebannt; schon dunkelt das Zwielicht
   Ueber die Stadt und umsonst strebt mir ins Freie der Sinn.
Lodert denn auf im Kamin ihr tröstlichen Flammen und scheuche
   Wärmender Becher, den Druck trüber Gedanken mir fort!
Euch auch such' ich hervor aus dem Schrein, ihr verwitternden Blätter,
   Die ich dereinst im Genuß goldener Tage beschrieb,
Als ich, ein Wanderer noch, mit dem trunkenen Auge der Jugend
   An den Gestaden umher südlicher Meere geschweift.
Seltsam blickt ihr mich an im Geflacker des nordischen Herdes,
   Fremd fast, aber ihr habt bald mir die Seele gelöst,
Und im belebenden Hauch der Erinnerung schwebt die befreite
   Wie von Flügeln des Schwans leise getragen hinaus.
Sieh, schon sinkt das Gewölk, durch die flatternden Schleier ergießt sich
   Goldener Glanz, weithin dehnt sich im Grunde die Flut
Und im Kreise verstreut, umspült von schmeichelnder Woge
   Tauchen ins leuchtende Blau sonnige Gipfel empor.
Seid mir gegrüßt! Wohl kenn' ich euch noch, ihr seligen Inseln,
   Die des ägeischen Meers purpurner Gürtel umschlingt,
Naxos Rebengebürg und des taubenumflatterten Andros
   Winkende Höhn, von der Nacht schwarzer Cypressen gekühlt
Und in Blüthen verhüllt Parichias schwebende Gassen,
   Die vielsäulig vom Meer über den Felsen sich ziehn.
Zaubrische Stadt! Wohl ruhn sie verwaist, die gefeierten Schluchten,
   Wo zu göttlichem Reiz einst sich der Marmor beseelt,
Aber es erbte bis heut sich in dir unsterblicher Anmuth
   Kleinod fort und verwirrt lieblich dem Pilger das Herz.
Ach, ich erfuhr's und das schmerzliche Glück, das launisch dieselbe
   Stunde mir gab und entriß, wieder berauscht es mich heut.
Sieh, dort wandeln sie hin, mit dem Krug auf dem Haupte, die Mädchen,
   Leicht im Sandalengeschnür schwebt der beflügelte Fuß.
Hier welch’ reine Gestalt, welch' Haar! Schon bist Du den Kranz ihr
   Zuzuwerfen bereit; aber die Schönere naht,
Ach, und die Schönste von Allen zuletzt, die Schwester des Schiffers,
   Der sein gastliches Dach gern mit dem Fremdling getheilt.
Sechzehn Sommer erlebte sie kaum, doch blickt aus den dunkeln
   Wimpern ein sehnsuchtsvoll träumendes Auge bereits,
Und frühzeitig gereift am Strahle der milderen Sonne
   Birgt die vollendete Brust schon ein erwachend Gefühl.
Winkst Du mir, Charmion, reizendes Kind? Vom sprudelnden Brunnen
   Ueber die Stufen empor soll ich dir folgen ins Haus?
Wol, ich gehorche dem Blick und du führst mich ins duftende Gärtchen,
   Wo der Granatbusch prangt, wo das Basilikum sprießt
Und Hesperiens Baum uns im Schatten empfängt, mit der Fülle
   Goldener Aepfel zugleich, silberner Blüthen geschmückt.
Stumm dort bietest Du mir die zerbrochene Frucht der Orange,
   Mir die Hälfte, und nimmst sinnend die Hälfte für Dich.
Soll es ein Zeichen mir sein, Holdselige, daß Du mir gut bist?
   Daß es Dich schmerzt, mich so bald scheiden zu sehen? – Du nickst,
Und mit streifender Hand die achatenen Locken entfesselnd
   Schmiegst Du Dich an mich und reichst weinend den Mund mir empor.
Wer bezwänge sich da! Wer stieße die köstliche Gabe
   Frostig zurück, ein Barbar, wenn sie die Grazie beut!
Einmal laß mich im Kuß die ambrosischen Lippen berühren,
   Einmal schling' ich den Arm um den bezaubernden Wuchs
Und umfangen von Dir, im Innersten schauernd, empfind' ich's,
   Wie Dein pochendes Herz heiß an das meine sich drängt.
Hältst Du mich fest? Laß ab! Du sollst der beglückenden Stund' einst
   Heiter gedenken und nie, was Du mir schenktest, bereun.
Laß, und trockne das süße Gesicht! Schon hör' ich den Bruder,
   Der zum Hafen ans Schiff dringend den Säumigen ruft.
Lebe denn wohl! Lebwohl! Und sei für immer gesegnet!
   Ewig jugendlich hier bleibst Du ins Herz mir geprägt.
Aus dem azurenen Meer wird stets Dein Auge mich grüßen,
   Jede Cypresse des Hains, Schlanke, gemahnt mich an Dich;
Bei den Rosen Athens will Dein ich denken und wenn mich
   Kalt und düster dereinst wieder der Norden umgraut,
Soll Dein reizendes Bild im hyperboreischen Dunkel
   Mir wie die Sonn' aufgehn, Charmion, liebliches Kind!


————
Quelle: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Band II, 1867/68, Seiten 22-23, Herausgeber: Ernst Dohm und Julius Rodenberg; Verlag von A. H. Payne, Leipzig