Emmy von Dincklage


A
Emmy von Dincklage
malie Ehrengarte Sophie Wilhelmine (Emmy) von Dincklage-Campe (* 13. März 1825 auf Gut Campe, Gemeinde Kluse, Emsland; † 28. Juni 1891 in Berlin), evangelisch-lutherisch, war eine deutsche Romanschriftstellerin.






Abends.


Im Abendhauch lehnt’ ich am Fenster,
Die Händ’ im Schooße vereint,
Und sah in den Mond, wie so einsam,
So sehnsuchtsvoll droben er scheint.

Ich wähnt’, es hätte geregnet,
Weil Wangen und Hände so feucht;
Da fühl’ ich, wie Thrän’ auf Thräne
Vom Aug’ hernieder mir schleicht.

Der Stral, der des Oceans Tiefen
Zur brausenden Springflut hebt —
Er lächelt der sehnenden Thräne,
Die mir an den Wimpern noch bebt.

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Seiten 133-134, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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De Grummel bleiht.125


Wat sün126 ick warm! sää127 Trienke.
Von Arbeit nich! sää Gert.
De Sünne steck! sää Trienke.
Steck Schoufel man!128 sää Gert
Nien129 Wolk in d’ Luft! sää Trienke.
De Grummel bleiht! sää Gert.
War süst130 du dat? sää Trienke
Dat seeh ick so! sää Gert.
War kennst du’t bie? sää Trienke.
Well’t131 kennt, de kennt ‘t! sää Gert.
Ick seeh üm132 bleihn! sää Trienke.
War kennst du’t bie? sää Gert.
Holt her dien Ohr! sää Trienke.
Nu Heb ick’t lehrt!133 sää Gert,
Dien Grummel bleiht un — sleiht!134

125 das Gewitter blüht; so sagt man, wenn sich kleine Gewitterwölkchen sammeln. 126 bin. 127 sagte. 128 nur. 129 kein. 130 wo siehst. 131 wer es. 132 ihn, d. i. den Grummel, das Donnerwetter, das Gewitter. 133 gelernt. 134 schlägt, schlägt ein.

Quelle: Johannes Matthias Firmenich (Herausgeber); Germaniens Völkerstimmen, Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Mährchen, Volksliedern u. s. w.; Dritter Band, Seiten 492-493, Schlesinger’sche Buch- und Musikhandlung; Berlin; 1854

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„De Jungen könt1 de Olden wall verlaten, Man2 nicht entrathen!"3


Spreckwoord.

De Wind holt buten4 siene Klende,5
Un ret6 un splet und weet kien Ende,
Un giert7 und swiert,8
Un suust un bruust,
Un weiht un dreiht un sleit9
Kling, spring, fring!10
Awer’t11 Moor an de Haide,
As wenn us’ Heer mit Swäp12 in d’ Hand
Üm13 dreew dör’t Land.
Tüsken14 Haide un Moor
(Schick15 dicht an mien Stoul!16)
Is ’n Waterpoul,
En Gat,17 nat, swat;
Un well der verdwoul,18
De sög19 up’n Poul,
Wor’t Öuwer20 fucht,
Son gau,21 blau Lucht,22
Dat wupt un swupt23
Hen un wär denn,24
As’n Sommervagel.25
Nich wiet der of, dar steiht ‘ne Hütte
Mit ‘ne Pütte,26
Da wahnde Anne Geske,27 de was blind,
Mit ehr Kind.
Ehr Mann was achtein Jahren dod,
Se sög’t nich, man ehr Kind was groot,
De Oogen glimmden noch so swat,
Wenn ’t Wigd28 an’t Fü’r bie’t Krassen29 sat.
De Wulle kraßt se smö30 un klaar,
Man weeker was ehr brune Haar,
Dat krullt31 sück um ehr Leer32 so dicht,
As Rook,33 de ut’n Schotsteen stigt.
Se was so groot un was so kleen,34
Man Anne Geske kunn’t nich seehn,
Se seg: „Mar’ Engel, lewe Kind,
„Well35 sorgt um die, ick sün36 ja blind!“
„Wat sleit dar buten an de Ruten,37
„Kind?“ — De Wind.
„Wat is vör bie de Dör?
„Kiek38 tou!“ — Us’ Kouh.
„Well leg d’ Hand an de Wand
„Un strick39 rund awer’n Grund?“
Is nicks tou doun, us’ Katt, us’ Houhn. —
De Mouder lustert40 hen un wär.41
„Von  d e  quam dat Gelut nich her,
„Ick will di’t seggen, Mar’ Engel, Kind,
„Dat was nich Houhn, nich Kouh, nich Wind,
„Dat is dien Vader, de klopt und ropt,42
„Un findt nien Röst,43 nien Trost in d’ Erd,
„So lang üm noch na us begehrt.
„Almitz44 in de Nacht kump he sacht,
„Trett vör de Kiste, vör’t Schap,45
„Ick kenn sien Stapp,46
„An’t Fü’r, geiht, steiht,
„Raakt47 lange mit de Tange
„Ick hörd um leßt48
„Wetten sien Mest,49
„Jüst as he woll vör Jahren
„Sien Werk dö50 verwahren,
„Dat wassen51 anner Tieden!“

De Dochter swig, fürig stig
Ehr Blout in’t Gesich,
Man de Mouder is blind!
„Wat trappelt dar, Kind?“
De Scheerenslieper buten holt,52
Ick will üm ropen, ’tis so kold!
„Mar’ Engel, lat den Mann gewehren,
„Ick holl53 us’ Hüüsken hoch in Ehren,
„Sück54 Volk bring Flöök55 un güw Verscheel,56
„De  W e n d e l s57 blew güns Kant de Sööl!“58
Dat Woord, o Mouder, is nich goud,
Is he denn nich van Flesk und Blout?
Bring he nien59 Gottslohn an den Heerd?
Is he des Läwens nimmer werth?
Bünd wi nooit60 smachtig,61 wi nooit kold?
Un kegen Anner stramm un stolt?
Nee, Mouder, dout de Klinke los,
God helpe Jou, I bünd nich kroß,62
I denken63 an Jou64 eegen Kind,
Well65 sorgt för mi, I bünd ja blind! —
„Mar’ Engel, beter versmacht’t,
„As veracht’t und verlacht,
„Beter verlaten, as verrathen
„Up Straten,
„Beter verfraren, as verlaren!
„Mit Loug un List
„Kump de Antechrist.
„Von Sünd und Schand
„Holt of dien Hand!
„Well nich kump in Gottes Namen,
„Blüw buten!66 Amen!“

Stop,67 Mouder, mit Jou Ungeduld,
Wat nu noch kump68 — I hebt’ in Schuld,69
Wat frog de junge Fent70 na Jou,
I Butte,71 olde, blinde Frou?
Man — Verninig72 Woord
Vergift’t nich foort,
Stolt un grell,73 treck74 in d’ Hell,75
Beter verarmen
As nien76 Erbarmen,
Bädler Lohn set Hemmels Thron,
Man dout, wat I willt! —
De blinden Oogen wassen sucht,
O buten, binnen is nien Lucht,
So düster was toför nien Dag,
So lang Ann’ Geske denken mag! —
Nu, wies77 se still den Bree-Pot78 röhrt,
Dar wart se faste79 reselveert
Un seg: „Kind! Kind! of gout, of slecht,
„Mi liekt80 et tou, ick holle Recht,
„Un wenn wi dout81 na use Wäten,82
„So wiet as Gott us daan un mäten,83
„Denn sün wi besten Prieses werth!“
Mar’ Engel dreiht sück84 na den Heerd,
Ehr Oogen glimmt so foul85 un swat:
Goud Mouder, elk86 geiht sienen Pat! —
Un dat was ’t leßte Woord.

Een Etmal87 vergüng,
(Paßt up, nu kump dat rechte Ding!)
De Sünn steeg hoch, de Klock sleit söwen.88
„War89 is Mar’ Engel bläwen?90
„Ick Räke91 wall,
„Se mälkt in’n Stall
„Un fouert92 us’ Bigge,93
„Of blöert94 all flügge,95
„Of driw mit de Schaape,
„Wies96 ick mi verslape.
„Man nu wart Tiet, de Klock sleit achte,
„Gewiß nu kump se sachte!97
„Se rad98 up’t Feld,
„Dat wi bestellt,
„Gau Tüffelkes wisse,99
„War lig mien Müsse?100
„Mien Holsken?101 Mien Schötte?“102
„Naas103 et’t Kind ehr Götte?“104
De Götte is week, de Uhr sleit nägen,105
Nu ward Ann’ Geske doch verlägen,106
Se ropt un söch107
Un schreit108 un frög,
Von Ende tou Wende,
Von Rand tou Kant,
Ower Rüsk109 un Döören,110
Na achter,111 na vöören,
In Gaarn112 un in’n Stall,
Dann sleit se herdaal:113
„O Kind, o Kind!
„ V e r l a t e n   u n   b l i n d ! “ — —
Man dar is Ene, de Bescheed
Van alle use Sorge weet,
De süt,114 wat in us’ Herte steiht,
Un holt de Vaderhand bereit
In Ewigkeit!
De Winter quam, un Weh un Snee.
De wä’rt115 un dwärt116
Hier up’n Loop,117 dar up’n Hoop118
Swellt, wellt,119, backt,120 sackt121
Moor un Haide
Hew nien122 Scheide.
Dat lig so wier um de Hütte, so kahl!
As was de Hemmel störtet123 herdaal
Un was verstört124
Un was verklört125
Un kunn nich wär126 up! —
Mag us de Heer bewahren,
Ann’ Geske is verfraren,
De Ene, de us helpen kann,
De nöhm sück ook de Weedfrou an,
Un drög in Hüüsken up de Haid
Des Hemmels sälge Herrlichkeit. — —
Up’n Poul127 dat Lucht (— prot128 sacht! —)
Brennt Nacht vör Nacht,
Dat wüßt elk Jung’ und elke Wigd,129
Son Lucht bedut ‘ne Vörgeschicht.
Seß Jahren bünt verläten,130
Ann’ Geske is vergäten,
Verfallen is de Hütte,
Verdröget is de Pütte,131
Dar kump en Frounsmensk, groot un slank,
Den Heerweg ower d’ Haid entlang,
In’n Winde driw ehr brune Haar,
Den Kop un Armse dreg se baar,
Nien Schouen132 hew se an’n Fout,
Ehr Ooogen glimmt so swat as Rout,133
Üm’t Hüüsken löp se mennig Mal
Un bit134 in ehren Douk von Qual,
Un schört135 ehr Haar un fring ehr Hand
Un wöult136 sück in den Haidesand,
Un sleit den Kop so hart an d’ Mü’r,
As harr se binnen glendig137 Fü’r.
Dann smit se of den Rump,138 den Douk,
Un stehnt un röp — et was en Flouk! —
Un raast un ielt na’t Watergat,
So kolt, so still, so deep, so swat.
Se spring, se sink —
Un’t is vörbie!
Mar’ Engel lig in Waters Grund,
Dat Lucht sög Nümmt139 mehr siet dat Stund.
— — — — —
Dat heb ick Jou nu vörvertellt,
Dat Ji recht flietig krassen140 schöllt,
Un nich mit Proten141 un mit Mallen142
De Wulle lat’t in’t Füer fallen,
Un dat I ook den Spröök143 betracht’t
Den mennig ene stolt veracht’t:
„ D e   J u n g e n   k ö n t   d e   O l d e n   w a l l   v e r l a t e n ,
M a n   n i c h   e n t r a t h e n ! “

1 können. 2 aber, nur. 3 d. h. keinen besseren Rath geben. 4 hält draußen. 5 Lärm, Toben, Klage. 6 reißt. 7 heult. 8 schwirrt, schwankt hin und her. 9 schlägt. 10 „fringen“ ringen. 11 über das. 12 Peitsche. 13 ihn. 14 zwischen. 15 rücke. 16 Stuhl. 17 Loch. 18 wer da sich verirrte. 19 sah. 20 wo das Ufer. 21 schnelles. 22 Licht. 23 schwankt wie auf dem Wasser. 24 hin und wieder dannen, hin und her. 25 d. i. Schmetterling. 26 Brunnen. 27 Gesa, Gesina. 28 Mädchen. 29 beim Wollkratzen, was in der Nähe des Feuers zu geschehen pflegt. 30 weich, geschmeidig. 31 lockt, kräuselt. 32 Wange; eigentl. Haut. 33 Rauch. 34 fein, dünn; „kleen“ bedeutet nie „klein“. 35 wer. 36 bin. 37 Fensterscheiben. 38 sieh. 39 streicht. 40 horcht. 41 wieder. 42 ruft. 43 keine Ruhe. 44 mitunter, zuweilen. 45 Schrank. 46 Tritt, Schritt. 47 schürt, scharrt. 48 ihn neulich. 49 Messer. 50 that. 51 waren. 52 draußen hält. 53 halte. 54 solches. 55 Fluch. 56 giebt Zank, Unfrieden. 57 fast alle Scheerenschleifer, ein beim Volke in Mißachtung stehender Stamm, der sich ganz unter sich hält und sich nur anscheinend zum Christenthume bekennt, heißen Wendels. Dieselben flicken auch Kessel und fangen Fische. Das Volk scheint zwischen Zigeunern und Wenden keinen Unterschied zu machen. 58 jenseits der Schwelle. 59 er keinen. 60 sind wir niemals. 61 hungerig. 61 ihr seid nicht hochmüthig, hart. 63 ihr denket. 64 euer. 65 wer. 66 draußen. 67 haltet ein, mäßiget euch. 68 kommt. 69 ihr seid Schuld daran. 70 Bursche. 71 ihr unbeholfene, täppische, grobe, dumme, plumpe, ungeschickte. 72 giftiges. 73 böse. 74 zieh. 75 Hölle. 76 kein. 77 während. 78 Breitopf. 79 fest. 80 scheint. 81 wir thun. 82 Wissen. 83 so weit als Gott uns gegeben und gemessen. 84 dreht sich. 85 d. i. düster, tückisch. 86 jeder. 87 d. i. Zeit von vierundzwanzig Stunden. 88 sieben. 89 wo. 90 geblieben. 91 rechne, halte dafür. 92 füttert. 93 Ferkel, Ferken. 94 oder blättert, blattet, in Bezug auf die überflüssigen Blätter des Kolhs u. s. w. 95 schon flink, munter. 96 während. 97 allmählig. 98 rodet. 99 rasch Kartoffeln gewiß. 100. Mütze. 101 Holzschuhe. 102 Rock. 103 nachher. 104 Grütze mit Buttermilch gekocht. 105 neun. 106 d. i. unruhig. 107 sucht. 108 weint. 109 Rüsche, Binsen. 110 Dornen. 111 hinten. 112 Garten. 113 hernieder. 114 sieht. 115 wettert. 116 wirbelt. 117 Lauf; „dat geiht up’n Loop“, das geht weg, geht verloren. 118 Haufen. 119 wogt. 120 klebt. 121 sinkt. 122 haben keine. 123 gestürzt. 124 zerstört. 125 verblichen, verfärbt. 126 könnte nicht wieder. 127 Pfuhl. 128 sprich. 129 jedes Mädchen. 130 sind verlitten, verstrichen. 131 vertrocknet ist der Brunnen. 132 keine Schuhe. 133 Ruß. 134 beißt. 135 reißt. 136 wühlt. 137 glühendes. 138 Jacke ohne Aermel. 139 sah Niemand, 140 kratzen, Wolle kratzen. 141 Schwatzen, Plaudern. 142 Narren, Unsinntreiben, Spaßen. 143 ihr auch den Spruch.

Quelle: Johannes Matthias Firmenich (Herausgeber); Germaniens Völkerstimmen, Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Mährchen, Volksliedern u. s. w.; Dritter Band, Seiten 488 - 490, Schlesinger’sche Buch- und Musikhandlung; Berlin; 1854

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De olle Spinster.84


De Wind, de weiht,
Dat Weel,85 dat dreiht,
De Rägen tömig86 kling,
De olle Spinster sing,
Dann heller87 up un denn wär88 liese
Up ehre olle weldske89 Wiese.

„Spleet90 ut, spleet ut,
„Ick sün91 die Bruut,
„He töwt92 all dertig93 Jahr
„Un noch kien Hen’kleed94 klaar,95
„Un noch kien Hushold96 för mi mäten,97
„De Hilke,98 sorg ick, wort99 vergeten.

„Mien Haar is gries
„Von Angst un Krüß,100
„Den stuuren101 Set102 von Tiet
„Wer ick in d’Grouwen103 quit,
„Dat Kistenlid104 verslut105 up’t beste
„Un breng Verdreet106 un Pien to Röste.107

„Spinn lang, spinn kot,
„För allebot108
„Ward109 doch de Berge bört,110
„Wert doch de Klocken hört,
„Siet dertig Jahren hebbt se klungen
„Un röpten:111 Kumm bie dienen Jungen!

„Ick wachte112 hier
„Up’t leßte Ühr,113
„As’t Lämmken na de Au,114
„Un’t kump mi nich tou gau,115
„Nien116 Kind mag so Sünd Niklas117 hopen,
„As ick mien Kuule118 endlick open.

„Spleet ut, spleet ut,
„Ick bä’119 abs’lut:
„Mien leewe Heer, kum bold
„Un mak mi blid’120 un stolt!
„In Hemmel, wor de Steeren121 wenket,
„Dor, weet ick, well122 an mi noch denket!“

De Wind, de weiht,
Dat Weel, dat steiht,
De Rägen tömig kling,
Nien olle Spinster sing,
De Frönde123 hebbt ehr Kerktüg124 namen, —
Se sülwst is na den Kerkhof kamen.

84 Spinnerin. 85 Rad. 86 säumig, langsam. 87 laut, helltönend, hell. 88 wieder. 89 altmodische. 90 reiße. 91 bin. 92 wartet. 93 schon dreißig. 94 Todtenhemd, Hemdekleid. 95 fertig. 96 Sarg. 97 gemessen. 98 Heirath. 99 wird. 100 Kreuz. 101 schweren, harten, sauren. 102 Zeitabschnitt, auch: Augenblick. 103 werde ich in der Grube. 104 Sargdeckel. 105 verschließt. 106 Verdruß. 107 Ruhe. 108 Jedermann. 109 wird. 110 die Bahre gehoben, getragen. 111 riefen. 112 warte. 113 Stunde. 114 Mutterschaf. 115 schnell, rasch. 116 kein. 117 am Sankt Nikolaus-Tage werden die Kinder bescheert. 118 Grube. 119 bete. 120 froh. 121 Sterne. 122 wer. 123 die Verwandten. 124 haben ihren Kirchen-Anzug, Sonntags-Anzug.

Quelle: Johannes Matthias Firmenich (Herausgeber); Germaniens Völkerstimmen, Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Mährchen, Volksliedern u. s. w.; Dritter Band, Seiten 492-493, Schlesinger’sche Buch- und Musikhandlung; Berlin; 1854

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De Scheper.


Lang de Schüppe68
Un de Kippe69
Un de Heike70 von de Wand,
Klept71 de Misse
Driew ick wisse72
Miene Schaap’ in‘t Haideland.     Holla-oh!

Komt se alle
Ut’n Stalle
Miene Schaape sünt nich mack,73
Se willt74 springen,
Ick will singen
Mit mien Brügge75 in’n Sack.     Holla-oh!

Wenn ick breide76
Up de Haide,
Wort77 de Dag mi mangs78 to kot,79
Wenn ick slape,
Miene Schaape
Use Hündken möten80 mot!     Holla-oh!

Komt wi binnen,81
Sitt to spinnen
Achter’t Weel82 de lütke Maid,
Man de Buer
Kick83 so suer,
’Tis doch beter up de Haid!     Holla-oh!

68 kleine Schaufel der Schäfer. 69 Kappe, Mütze. 70 weißer Schäfermantel aus der Wolle der Heidschnucken. 71 läutet. 72 gewiß. 73. sanft, matt, zahm, geduldig. 74 wollen. 75 Butterbrod. 76 stricke; die Schäfer pflegen zu stricken. 77 wird. 78 manchmal. 79 kurz. 80 hüten. 81 d. i. nach Hause. 82. hinter dem Spinnrade. 83 schaut.

Quelle: Johannes Matthias Firmenich (Herausgeber); Germaniens Völkerstimmen, Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Mährchen, Volksliedern u. s. w.; Dritter Band, Seite 492, Schlesinger’sche Buch- und Musikhandlung; Berlin; 1854

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Der Handwerksbursch.


Du lieber Gott, wie ist's so kalt,
Der Wind der stürmt, der Schnee der fallt —
Ach Mütterchen, mein gut's, zu Haus,
Du weißt nicht, wie mir’s ist dadraus!
Das lange Wandern ist gar hart,
Zumal, wenn Hand und Fuß erstarrt,
Und man vor all dem Schnee und Wind
Den rechten Weg so schwerlich find't;
Da weisen noch mit schlimmem Wort
Die Leut' mich von der Thüre fort,
Sie wissen nicht — hab ich gedacht —
Wie's Wandern gar so hungrig macht,
Sie haben halt kein liebes Kind,
Das fechten geht durch Schnee und Wind! —
Mein Herr Gott, laß bald Frühling sein,
Wenn Du befiehlst hört's auf zu schnei'n,
Mir ist nicht mehr ein Bischen froh —
Herr Gott, mich friert und hungert so.
Die armen Spatzen unterm Dach —
Die sehn mir auch so bittend nach,
Id gäb' euch gern die letzte Rind',
Doch leer — ganz leer die Taschen sind!
Ich weiß wohl eine alte Frau,
Sie geht gebückt, ihr Haar ist grau,
O, dahin fliegt, die läßt euch ein —
'S ist ja mein herzig Mütterlein!

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1854, Seiten 105-106, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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Drei Fragen.


Es ist gar leicht mit uns zu leben.
Kannst du gehörig Antwort geben
Auf drei ganz kleine art’ge Fragen,
So wird man dich auf Händen tragen.

Die erste klinget herzlich bieder:
„Freund, hast du Geld? — dann laß dich nieder!“
Sei vor der zweiten auch nicht bange,
Sie heißt: „Wie ist’s mit deinem Range?“

Die dritte stehet ganz am Rande
Und gilt, beiläufig, dem Verstande,
Man streicht sie, freudig und bescheiden,
Giebst du uns nur die ersten beiden!

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1854, Seite 105, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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Du bist mir tausendmal willkommen!


Komm aus dem Thal, steig von der Höh',
Zieh durch das Land, schiff' über'n See —
Und welchen Pfad dein Fuß genommen:
Du bist mir tausendmal willkommen!

Komm jung und froh, komm alt und trüb',
Gieb Schmerz und Leid, gieb Lust und Lieb',
Das mache nicht dein Herz beklommen:
Du bist mir tausendmal willkommen!

Wie du auch bist, ich frage nicht,
Was du auch bringst, ich klage nicht,
Hab' ich dies Eine nur vernommen:
Du bist mir gut — und du willst kommen!

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1854, Seite 104, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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Entbehrung.


Wenn nach den Sternen man gesehn,
Ist alles Andre dunkel,
Das Aug' kann einzig nur verstehn
Ihr freundliches Gefunkel.

Und schwer entwöhnt sich auch das Herz
Aus seinem lichten Kreise,
Es spricht in Freud' und ruft im Schmerz
Die alte Sehnsuchtsweise:

„Ach, giebt's wohl eine größ're Pein
„Als seufzend zu erkennen,
„Man könnte froh und glücklich sein —
„Und muß vom Glück sich trennen!“ —

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1854, Seite 102, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

Gedanken


Offenheit und Verständniß scheinen in der ersten Zeit des Erkennens vorherrschender, weil sie mit Bewußstsein gegeben und genommen werden. Später, das vergißt man zuweilen, geben sie sich unbewußt von selbst.
- - - - -
Eine schwere Aufgabe! Ihre Individualität einer andern unterordnen, ist der höchste Beruf des liebenden Weibes. Eine Frau aber, welche ihre Individualität aufgeben kann, wird keine Garantie für ihre Liebe und Treue zu bieten haben!
- - - - -
Die Physiker sagen: Das Licht ist nur da, wo es reflectiren kann; gegenstandlose Räume bleiben dunkel. Ist es wol zum Verwundern, daß lieblose Herzen verdammt sind, ein licht- und freudenarmes Leben zu führen?
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Angst und Sorge ist für das Herz, was das Unwetter für längst vernarbte Wunden; neben dem neuen Leid erwacht das alte.
- - - - -
Der ungläubige, phantasielose Verstand sieht im Schmetterling nur die frühere Raupe, im Abendroth den kommenden Platzregen.
- - - - -
Erfahrung ist eine kostbare Perle. Aber auch ihr müssen wir eine würdige Fassung geben.

Quelle: Unterhaltungen am häuslichen Herd, 1861, 3. Folge, 1. Band, Seiten 436 und 453, Herausgeber: Karl Gutzkow, Verlag: F. A.Brockhaus, Leipzig

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Gieb mir Demuth.


Mit düsterem Blicke schau ich
Zum düsteren Himmel empor,
Die Seele haftet an Allem
Was ich unter Schmerzen verlor.

Mein Gott, o laß mich nicht hadern
Den Staub mit dem Schöpfer der Welt,
Der mich aus Gnade erschaffen,
Der mich aus Erbarmen erhält.

Die Perle der Demuth senke
In's zagende, fragende Herz,
Erkauft mit Wehe und Thränen,
Gefasset in Trübsal und Schmerz.

Die Demuth gieb mir, die reine,
Die freudig sich selber vergißt,
Die Demuth gieb, die im Leide
An Stärfe mit Helden sich mißt.

Laß werden mich gleich den Kindern
So gläubig, so heiter, so wahr,
Sind düster auch Herz und Himmel,
Dein Licht macht sie  s i c h e r l i c h  klar!

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1854, Seiten 103-104, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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Hertseer.31


De Fleite kling, de Viole geiht,
Un elke Fent32 hev siene Maid,
De treck33 so blide34 an de Schou35
Un strick36 ehr Haar — nu gah man37 tou,
Well weet,38 denn kump di ook de Dag,
Wor39 di ‘t nicks mehr verslagen40 mag! —
Ick gah so trurig un alleen,
Wor Nümmt41 kann miene Thranen seehn,
Un miene Söchten42 klingt so swaar —
Ick bün mit all mien Glücke klaar.43
Dar was een Tiet — ‘tis lang verleten,
Dar buten44 hebbt se’t45 wall vergeten,46
Man binnen, binnen steiht et schrewen:
„Wor bünt47 mien jungen Jahren blewen?“
Dar was ick ook en flügge Wigd,48
De Oogen hell, de Föte49 licht,
Dar was mi ’t, wenn de Viole klung,
As wenn de Hemmel apen50 güng!
He, den ick nich mehr nöömen51 mag,
Quam ook to jeder Kermse Dag,
Un Hilkemaaker,52 Päpernööt,53
De kofte he mi, wall un sööt,54
Dann kreg ick ook en Ring, en Bouk,
‘Ne Scheere un en roden Douk,55
Un dochte: Kermse tokum56 Jahr
Is he mien Mann! — dat klung so rar.57
Un nu? Sien Vader wull’t nich lien,58
Ick bün so arm, en nooit59 mien,
Wat ick nich mit de Hand verdeen,
He sall ‘ne Buerdochter freen!60
Dat trock61 un trock, dar sää62 ick: „Du,
„So kamt63 wi beide nich to Ruh,
„Lat mi in Gottes Namen gahn,
„Ick will di nich in Wege stahn!“
De Thranen stromden um herdaal,64
Man ick harr65 doch noch grötter Qual,
Ick docht, ick müß von all mien Pien
De Nacht up Bedde storwen sien.
Ick stürw nich, man ick bün so witt66
As Kalk, de an de Müere sitt,
Ick stürw nich, man mien Glück is ut —
He nöhm denn ook de rieke Brut,
Ick bün üm Alles wall vergünnt,67
Wenn ick et man  v e r g e t e n  künnt!

31 Herzweh. 32 jeder Bursche. 33 zieht. 34 froh, munter, freudig. 35 Schuhe. 36 streicht. 37 nur. 38 wer weiß. 39 wo. 40 d. i. kümmern. 41 Niemand. 42 Seufzer. 43 fertig. 44 da draußen. 45 haben sie es. 46 wohl vergessen. 47 wo sind. 48 flinkes, munteres Mädchen. 49 Füße. 50 offen. 51 nennen. 52 Knappkuchen aus Honig und Mehl; „Hilke“ Heirath. 53 Pfeffernüsse. 54 süß. 55 Tuch. 56 nächstes. 57 d. i. schön, wunderbar. 58 wollte es nicht leiden. 59 gar nichts. 60 freien. 61 zog, verzog sich, verzögerte sich. 62 sagte. 63 kommen. 64 ihm hernieder. 65 hatte. 66 weiß. 67 ich habe ihm Alles wohl vergönnt.

Quelle: Johannes Matthias Firmenich (Herausgeber); Germaniens Völkerstimmen, Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Mährchen, Volksliedern u. s. w.; Dritter Band, Seite 491-492, Schlesinger’sche Buch- und Musikhandlung; Berlin; 1854

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Ich wollte Rosen bringen.


Ich wollte Rosen bringen,
   Sie welkten Blatt für Blatt
Und scharfe Dornen dringen
   Hervor an ihrer Statt.
Ich wollte dich reich erblicken
   Und seh' dich krank und arm,
Ich wollte dich beglücken
   Und gab dir Leid und Harm.

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1854, Seiten 102-103, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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„Ich zog hinaus in’s Land, in’s Land.“


Ich zog hinaus in’s Land, in’s Land,
Mit meinen fröhlichen Gedanken,
Da sah ich an der Wiese Rand
Das erste Frühlingsblümchen schwanken.

Gott segne dich! Gott segne dich!
Darfst nicht vor meinem Schritt erbeben,
Ein altes Frühlingskind bin ich,
Und du — du bist ein junges eben!

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Seiten 138-139, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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Jänsken pleg toförem to seggen:


All in usen Huuse is use!1
Us’ Böppe2 sitt vör an bie’n Disk,
Denn röpp se: „Jänsken, holt di risk!3
De kann nu miserab’l vertelln
Von Räubers, Spök un Kriegsgeselln.
Un use Vader, de is groot,
He snitt mit ’t neie Mest4 van’t Brod,
Un seg, wenn he dar mit begennt:
„Du, Jänsken, lüst di ’n Krömen,5 Kind?“
Denn roop ick so up’t Oogenblick:
„Nee, Olle, gew’t mi ’n grootet Stück!“
Un use Memme weegt und sing,
Dat ’t man so unner’n Balken kling,
Almitz6 weeg ick ook vör Gewalt,7
Denn geiht ’t: „Mar’ Jop’! —wenn’t Kind ümfallt!“
„Nee, Memme,“ seg ick, „hev kien Noth,
„Nu ward us’ Pupp8 ook bolde groot!“
‘Ne olle Möke9 hebbt wi ook,
De houst’t10 un lest ut ’t Kerkenbook,
Denn seg se mi ook wall almitz:
„Wir wandern durch die Prüfung itz!“
Man loopen kann se doch nich mehr,
De Föte dout11 ehr vels tou seer.12
Denn frogt se ut ehr’n Krakestoul:13
„Wat hest denn lehrt14 van d’ Week15 in d’ Schoul?“
Man ick bün ganz besünners klouk,
Ick lehre all16 ut ’t Fragebook.
Un wat denn mehr noch use hört,
Du weeßt ja, use olle Pärd,
Dat Füllen hebbet wi verkoft,
Det Jänsken ‘t nich möten17 hoft.18
Un Keie19 dree, so dick un swaar,
De ene slacht’t wi tokum20 Jahr;
Un sücke21 fixe, groote Swien,
Dat ene lütke,22 det hört mien,
Un use Vader sää23 allehr:24
„Dar krigst en grooten Daler för!“
Un wenn ick: Bello! Bello! roop,
Denn kump he dran in vullen Loop,
Un Bello nöömde üm25 de Maid,
Wiel he in Huus det Bläken26 deit.
Denn usen Katt, son moje27 Ding,
Wenn dee so von ‘en Balken spring,
Denn is’t, als wenn so’n Grummel sleit,28
Denn wer’k29 woll geck von Blidigkeit.30
Ja, All in usen Huuse is use!

1 unser. 2. Großmutter. 3 gerade. 4 Messer. 5 Krümchen. 6 mitunter, zuweilen. 7 d. i. sehr stark, mit aller Gewalt. 8 Kindchen. 9 Tante. 10 hustet. 11 thun. 12 weh. 13 Lehnstuhl. 14 gelernt. 15 in dieser Woche. 16 schon. 17 hüten. 18 braucht, nöthig hat. 19 Kühe. 20 nächstes. 21 solche. 22 kleine. 23 sagte. 24 vor diesem, früher. 25 nannte ihn. 26 Bellen. 27. schönes. 28 Gewitter, Blitz einschlägt. 29 werde ich. 30 Freude, Fröhlichkeit.

Quelle: Johannes Matthias Firmenich (Herausgeber); Germaniens Völkerstimmen, Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Mährchen, Volksliedern u. s. w.; Dritter Band, Seite 491, Schlesinger’sche Buch- und Musikhandlung; Berlin; 1854

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„Kann der Baum von der Wurzel lassen.“


Kann der Baum von der Wurzel lassen,
Die ihn trägt?
Muß nicht der Epheu den Stamm umfassen,
Der ihn hegt?
Kann das Schiff von der Welle scheiden,
Die es wiegt?
Möchte die Woge das Ufer meiden,
Lang umschmiegt?
Kann die Sonn’ aus der Bahn auch weichen,
Die sie zieht?
Muß nicht die Blume das Licht erreichen,
Daß sie blüht?
Kann der Mensch ohne Glück noch leben,
Ohne Lust?
Muß er schweigend sein Herzblut geben
Aus der Brust?
Ja er weint, wenn er Nachts ins Kissen
Tief sich drückt,
Er kann lächeln, das Herz zerrissen
und zerstückt!

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Seiten 134-135, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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Menschenblumen.


Der Mensch vergeht, wie Gras und Spreu,
Es zieht des Windes Hauch vorbei,
Und sieh! die Stelle, wo er stand,
Wird nicht auf Erden mehr erkannt.

Ihr Blüten all’, voll Lebensdrang,
Die Jugend, Schönheit, Glück umschlang,
Die ihr vom Thau der Freude schlürft,
Als ob er nie versiegen dürft’:

Der Mensch vergeht, wie Gras und Spreu,
Es zieht des Windes Hauch vorbei,
Und all’ die übermüth’ge Kraft
Umfängt des Grabes enge Haft!

Ihr Menschenknospen scheu und bleich,
Ihr, mit dem Herzen voll und weich,
Ihr, die mit leichter, leiser Hand
Geheime Wunden schnell erkannt:

Der Mensch vergeht, wie Gras und Spreu,
Es zieht des Windes Hauch vorbei —
Ihr zogt so eilig himmelan
Und seid am Ziele eurer Bahn!

Ihr Blumen reich an Farbenpracht,
Die ihr des Gärtners Hand verlacht,
Die selbstbewußt und kühn gewiegt
Ihr euch an keine Fessel schmiegt:

Der Mensch vergeht, wie Gras und Spreu,
Es zieht des Windes Hauch vorbei,
Wo tausend neue Blüten stehn,
Wird man euch nimmer wieder sehn!

Ihr träumerischen Halme all’
Im Waldgrund und am Wasserfall,
Was plaudert ihr, nach Dichterbrauch,
So eifrig mit dem Abendhauch?

Der Mensch vergeht, wie Gras und Spreu,
Es zieht des Windes Hauch vorbei,
Doch schneller ist des Liedes Ton,
Ob noch so süß, dem Ohr entflohn.

Ihr treuen Pflanzen, deren Sein
Sich webt in fremdes Leben ein
Und keine Lebensfreude kennt,
Die euch vom fest Umschlungnen trennt:

Der Mensch vergeht, wie Gras und Spreu,
Es zieht des Windes Hauch vorbei,
Getrennt, zertreten und geknickt,
Ihr euch am Grabesrand erblickt!

Ihr Stämme, die ihr aufwärts strebt
Und kühn die Heldenhäupter hebt,
Für die zu hoch kein Himmelsstern,
Die flücht’gen Wolken nicht zu fern:

Auch ihr vergeht, wie Gras und Spreu,
Ein drohend Wetter zieht herbei,
Ein Blitzstral aus den Wolken fällt,
Es kracht, ihr wankt — und sinkt, zerschellt!

Ihr Pflanzen treibend ohne Rast,
Fortkriechend mit der Früchte Last,
Verwelkt, verdorret vor der Zeit
Im Drange der Geschäftigkeit:

Der Mensch vergeht, wie Gras und Spreu,
Es zieht des Windes Hauch vorbei,
Der euch vom kargen Leben trennt,
Von allem, was ihr Schätze nennt!

Eisblüten ihr, die nie ein Stral
Der Sonne traf im Felsenthal,
Die nie in einem Kuß erbebt,
Die nie ein süßer Traum umschwebt:

Der Mensch vergeht, wie Gras und Spreu,
Es zieht des Windes Hauch vorbei,
Und durch der Felsen starre Brust
Schwebt ihr zur ew’gen Himmelslust!

Hinauf, wo Gottes Sterne glühn,
Wo bei der Engel Melodien
Verwelkte Blumen selig blühn
Und um den Thron des Höchsten ziehn!

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Seiten 135-138, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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Naseweisheit.


„Töchter mit des Vaters Zügen
Haben Glück!“ so spricht die Base,
Darum blickt’ ich mit Vergnügen
Immerdar auf meine Nase.

Später hab ich auch erfahren,
Wie so Recht die Base;
Denn, ach! schon seit vielen Jahren
Führt das Glück mich an der Nase.

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Seite 139, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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Rosen im Haar.


Die Rosen trag’ ich in dem Haar,
Die Dornen tief im Herzen,
Die Dornen, ach, sie bringen gar
So viel Pein und Schmerzen.

Ihr seht die frische Blütenpracht,
Doch ich? — die Dornen stechen
So sehr, ich habe oft gedacht,
Mein Herz es müßte brechen!

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Seite 133, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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Treuinnige Lieb’.


Bedenk’, daß ein’ Schwalben
Kein Sommer nit macht,
Und nimm dessenthalben
Dein Herz wohl in Acht.

Zu Wasser geht’s Krüglein,
So lang’, bis es bricht,
Die Lieb’ hat zween Flüglein,
Leicht bind’t man sie nicht.

Wohl schwanken aufs Neue
Viel Blumen im Wind —
Das Kräutlein der Treue
Gar selten man find’t.

Doch wer’s hat gefunden,
Halt’s heilig und fest,
Bewach’s alle Stunden,
Wie’s Vöglein sein Nest.

Dein Geld und Juwelen
Raubt kühn wohl ein Dieb —
E i n s  kann er nit stehlen:
Treuinninge Lieb’!

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Seiten 139-140, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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„Wie durchs offne Erkerfenster.“


Wie durchs offne Erkerfenster
Bei der Sonne Scheidestral
Blumendüfte zu dir dringen,
Die der West den Beeten stahl,

Und dir ist, als hätte heimlich
Dich ein warmer Kuß gestreift,
Während rings dein Auge suchend
Durch die stillen Räume schweift —

O, so mögen meine Lieder
Einst durch deine Seele wehn,
Wie der Duft von reichen Blüten,
Die dein Auge nicht gesehn!

Quelle: Deutscher Musen-Almanach für das Jahr 1855, Seiten 140-141, Herausgeber: O. F. Gruppe; Verlag von Georg Reimer, Berlin

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