Emmy von Dincklage


Amalie Ehrengarte Sophie Wilhelmine (Emmy) von Dincklage-Campe (* 13. März 1825 auf Gut Campe, Gemeinde Kluse, Emsland; † 28. Juni 1891 in Berlin), evangelisch-lutherisch, war eine deutsche Romanschriftstellerin.

Bereits zu ihren Lebzeiten verfasste der Schriftsteller Karl Schrattenthal (Pseudonym von Karl Weiß, * 1846; † 1938) eine Biografie über Emmy von Dincklage, die in "Deutsche Monatsblätter. Centralorgan für das literarische Leben der Gegenwart", herausgegeben von Heinrich Hart und Julius Hart, 2. Band October 1878 - März 1879, Seiten 638-644, Verlag von J. Kürhmann‘s Buchhandlung, Bremen, 1879 veröffentlicht wurde. Die folgende Transkription "Fraktur nach Antiqua" erfolgte im Verlag stimm-los. Originalrechtschreibung, Satzaufbau, Interpunktion und Grammatik wurden beibehalten.

Dincklage Emmy von

Frauen auf dem Parnaß, Emmy von Dincklage, verfasst von Karl Schrattenthal

   Jener norddeutsche Landstrich, den die am Südwestabhange des Teutoburger Waldes entspringende und bei Emden in den Dollart mündende Ems durchfließt, ist die Heimath der Dichterin, der diese schlichten Zeilen gelten. Das Land ist bewohnt, von einem trotz des nivellierenden Einflusses unserer Zeit, noch urwüchsigen, stämmigen Bauernvolke und einem wohlhabenden Landadel; es ist außer ordentlich reich an Mooren, deren Cultivierung man durch den Bau von Canälen erstrebt, doch geben die zahlreichen Herrensitze und Schlösser Zeugniß, daß man auch in längstentschwundener Zeit dies Land für genügend ausgiebig und fruchtbar hielt, um sich hier niederzulassen und es haben auch heutzutage viele Adelsfamilien dort noch bedeutenden Grundbesitz.

   Dem Freiherrn von Dincklage gehört einer dieser Herrensitze, das „Haus Campe«, welches eine Erbtochter dieses Hauses einem Ahnherrn unserer Dichterin zubrachte. Das Gebäude ist mit einfachen Ringgräben umgeben und mit einer Zugbrücke versehen, vor welcher eine hohle Ulme steht, die einen Umfang von siebenundzwanzig Fuß hat.

   In dieses Haus brachte der Freiherr Hermann Eberhard Friedrich von Dincklage-Campe seine junge Gattin Julia, geborene Baronesse von Stoltzenberg, die am 13. März des Jahres 1825 einem Töchterlein das Leben schenkte, dem man die Namen Amalie Ehrengart Sophie Wilhelmine gab. Hier, in der Abgeschiedenheit des väterlichen Gutes wuchs Emmy — so nennt sich die Dichterin selbst — auf, besonders geliebt von ihrem Großvater, der in ihr bedeutende Talente schlummern fühlte, deren Entfaltung er jedoch nicht erleben konnte, das er sein müdes Haupt zur Ruhe legte, als seine Enkelin erst drei Jahre zählte. Trotzdem sie ihren Eltern, die sie nach strengen Grundsätzen erzogen, unbegrenzte Achtung und Liebe entgegenbrachte, gab ihr etwas unbändiger Charakter oft Veranlassung zu Unzukömmlichkeiten. Sie schlich sich oft heimlich aus dem Hause, um mit dem Kutscher die Pferde in die Schwemme zu reiten, und als man sie eines Vergehens wegen in den Keller sperren wollte, antwortete sie mit der Drohung: „Zwingt mich hineinzugehen, aber zweifelt nicht, daß ich die Krähne aller Bierfässer aufschrau­be«.

   Die Lehrer hatten ihre liebe Plage mit der kleinen Schülerin, trotzdem sie nicht zu leugnen vermochten, daß ein schönes Talent ihr Eigen sei. Auf ihre Altersgenossen hatte sie einen bedeutenden Einfluß erlangt, da sie denselben selbsterdachte Geschichten erzählte, und durch poetische Ergüsse imponirte.

   Die berechtigte Unzufriedenheit der Lehrer hatte jedoch mit dem Ende des Schulzwanges auch alle Begründung verloren, sie lernte mit großer Ausdauer und überwand sogar ihre Unlust gegenüber den Haushaltungskünsten, sodaß sie schließlich beim Kochen, Nähen und Sticken ebensolche Geschicklichkeit erreichte, wie später in der sprachlichen Wiedergabe ihres Gedanken- und Gefühlslebens.

   Ihr Umgang blieb zumeist, der Abgeschiedenheit des väterlichen Hauses wegen, doch nur auf Erwachsene beschränkt. Mit besonderer Aufmerksamkeit lauschte sie den Gesprächen, welche ihre Mutter mit einer damals gefeierten Dichterin führte, die manchmal das Haus Campe und seine gastlichen Bewohner aufsuchte. Es war Levin Schücking’s Mutter, die in dem fürstbischöflichen Schlosse Cle­mens­werth bei Meppen wohnte.

   Ein Umstand scheint mir hier besonders erwähnenswerth, da er nämlich die Grundbedingung zu den später mit so großem Beifall aufgenommenen Schilderungen der Dichterin bildet — es ist das gründliche Bekanntwerden des damals noch jungen Mädchens mit dem Leben der Landbevölkerung. Die Verhältnisse zwischen Grundherrn und Bauer sind in diesem originellen Gebiete nicht so streng geschieden, wie anderswo. Der Gutsbesitzer betrachte die Landleute als seine Unterthanen und hält es für seine Pflicht, mit Rath und That bei der Hand zu sein. Wenn daher die Frau Baronin kranke Bauern oder die Hütten der Armen aufsuchte, um Trost und Beistand zu spenden, so durfte Emmy stets dabei sein und erhielt daher schon damals tiefen Einblick in die Lebensweise, Sitten und Gebräuche dieses urwüchsigen, ruhigen Volkes — welchen eingehenden Beobachtungen wir ihre späteren schönen Erzählungen verdanken. —

   Bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahre war ein besonderes Interesse für Prosadichtung in ihr nicht rege. Sie liebte nur Verse, lernte viele derselben auswendig und besonders waren es die im Volkstone gehaltenen, welche ihr Gefühlsleben fesselte. Sie eignete sich nun die Regeln der Metrik selbst an und machte stets poetische Versuche, obwohl es ihr in ihrer Umgebung an jeder Aufmunterung fehlte.

   Als später Klaus Groth begann, der heimischen, kräftigen Mundart eine Ehrenstelle in der Literatur Deutschlands zu erwerben, verfaßte auch sie einzelne Gedichte, welche in den fünfziger Jahren vom Firmenich in „Germanien’s Völkerstimmen“ mitgetheilt wurden. Die Dichterin kennt ihre heimathliche Mundart gründlich und hält ihre in derselben abgefaßten Gedichte für das Beste von allem, was sie je in das zarte Kleid der Reime brachte. Der plattdeutsche Verein „Schnurr-Murr“ in Dresden ernannte denn auch die Dichterin Dincklage zu seinem Mitgliede und einige in ihren Versen vorkommende mundartliche Kernworte erregten daselbst gerechtfertigtes Aufsehen. Ich kann nicht umhin, an diesem Orte eines der im unverfälschten Volkstone gehaltenen Lieder der Dichterin anzuführen, woraus die geehrte Leserin zu erkennen vermag, daß der bekannten und beliebten Erzählerin auch jene Ursprünglichkeit nicht abgeht, die die Grundlage jedweder lyrischen Dichtung bilden  m u ß , oder mindestens  s o l l :

De Scheper.

Lang de Schüppe1)
Un de Kippe2)
Un de Haike3) von de Wand,
Kleppt de Misse4)
Driew ick wisse
Miene Schaap in ‘t Haideland.    Holla-oh!

Kamt se alle
Ut’n Stalle
Miene Schäpkes sünt nich mack,5)
Se willt springen,
Ick will singen
Mit mien Brügge6) in’n Sack.    Holla-oh!

Wenn ick breide7)
Up de Haide
Wort de Dag mi mangs to kot8);
Wenn ick slape
Miene Schaape
Use Hündken möten mot!    Holla-oh!

Kommt wi binnen
Jit to spinnen
Achtert Weel9) de lütke Maid10),
Man de Buer
Kick so suer11)
’t is doch beter up de Haid!    Holla-oh!

1) Schüppe = Wurfschaufel der Hirten; — 2) Kippe = Kappe, Mütze; — 3) Haike = großer Mantel von Wollzeug; — 4) Kleppt de Misse = läutet’s zur Messe; — 5) mack = ruhig, matt; — 6) Brügge = Butterbrod; — 7) breide = stricke (im Emsland stricken die Männer); — 8) kot = kurz; — 9) Weel = Spinnrad; — 10) lütke Maid = kleine junge Magd; — 11) suer = sauer.

   Im Jahre 1848 durfte Emmy Dincklage ihre Mutter nach Wiesbaden begleiten. Der Eindruck, den ihr das Mannigfache, Neue, die herrliche Natur boten, bereicherte ihren geistigen Blick; eine neue Welt ging ihr auf, eine Reiselust erwachte in ihr, die sie seither nie verließ. Auch machte sie sehr interessante Bekanntschaften. So verlbte sie einige Tage mit dem 1845 in den Ruhestand übertretenen Major und Historiker Heinrich Ludwig  B e i t z k e*), der sie später auch im Haus Campe besuchte und bei dem sie im folgenden Jahre zu Colberg, wo er wohnte, gastliche Aufnahme fand. Der Umgang mit diesem äußerst gebildeten Manne war ihr zu großem Vortheile. Außerdem wäre auch noch der Canonikus und Dichter Wilhelm  S m e t s, Sohn der berühmeten Sophie Schröder zu nennen, der jedoch noch im selben Jahre starb.

*) Beitzke, ein geborener Pommer, starb 1867 zu Köslin; sein Hauptwerk ist die „Geschichte der deutschen Freiheitskriege 1813-1814“.

   Nun aber wuchsen auch die jüngeren Geschwister der Dichterin heran und die Eltern zogen, um die Erziehung ihrer Kinder zu vervollständigen, nach der schaumburg-lippe’schen Haupt- und Residenzstadt Bückeburg. Abgesehen davon, daß Emmy nun auch in höhere Gesellschaftskreise eingeführt wurde, ward der Aufenthalt in diesem Städtchen aus dem Grunde von großem Belange für ihre geistige Entwickelung, weil sie in nähere Beziehung zu hervorragenden Männern der Wissenschaft und Literatur trat; namentlich sei hier der als Schriftsteller und Dichter mit umfassendem Wissen ausgestattete Geh. Cabinetsrath Victor von Strauß erwähnt. Ebenso bot ihr das nahe gelegene Minden geistige Anregung, denn dort lernte sie Elise von Hohenhausen so wie deren Tochter Elise Rüdiger-Hohenhausen, die Verfasserin des Werkes: „Berühmte Liebespaare“, — ferner Elise Polko und die originelle Mathilde Marcard kenne, durch welche veranlaßt Emmy eine kleine moralische Erzählung schrieb, die auch in den von Pfarrer Nathusius in Quedlinburg herausgegebenen Blättern „für Stadt und Land“ erschien. Trotz dieses günstigen Anfanges trat sie erst 1857 mit einer Novelle „ D a s   a l t e   L i e b e s p a a r “ an die Oeffentlichkeit; durch einen Bekannten der Dichterin wurde diese Erzählung der Redaktion des Cotta’schen Morgenblattes übermittelt und auch gedruckt. Man könnte glauben, daß Emmy Dincklage nun nach glücklichem Beginne auch rastlos thätig gewesen wäre — dem war nicht so. Sie begann im Gegentheile ein fröhliches Wanderleben, sie reiste, lernte Länder und Menschen kennen, begeisterte sich an den Schönheiten der Natur und fand Zerstreuung, Erholung und geistigen Gewinn im Umgange mit hervorragenden Männern und Frauen. So lernte sie in Ober-Schlesien eine reich begüterte Familie kennen, deren Schloß bald ihre zweite Heimath wurde. Dort verbrachte sie glückliche Tage, dort erschlossen sich ihr des Lebens heitere Seiten. Sie verweilte mit ihren neuen Freunden einen Sommer in Ungarn, drei Winter in Dresden. Im Beginne der sechziger Jahre war auch schon ihr Schriftstellername bekannt, sie war daher gerne in jenen Kreisen gesehen, die der Literatur huldigten und fand auch allenthalben Anerkennung und Aufmunterung. Besondere Gönnerinnen waren die  B a r o n i n   v o n   G o e t h e  (Schwiegertochter des Dichters) und die Baronin  v o n   Z ö l l n e r , geb. Grape, die unter dem Pseudonym  C a r o l i n e   v o n   G ö h r e n*) gerngelesene Novellen und Romane schrieb. Sie lernte ferner den nun schon dahingeschiedenen Gutzkow kennen, sowie auch die Novellistin Claire v. Glümer, C. v. Paulow, Gustav Kühne, den Geh. Rath Carus, Feodor Wehl, Otto Ludwig u. A. m. — Bersonders förderlich, wie sie selbst hervorhebt, war ihr stets der einstige Redakteur des „Salon“, Dr. Julius Rodenberg, und wenn wir noch Paul Heyse und Levin Schücking nennen, so ersieht die geehrte Leserin, daß sich Emmy von Dincklage eines großen und schönen Bekanntenkreises erfreut. Der 27. Juni 1866 brachte ihr die Ernennung zur Stiftsdame im adeligen freiweltlichen Stifte zu Börstel unweit Osnabrück, doch mußte sie im selben Jahre Auch den Schmerz erleben, ihr Heimathland Hannover, an dessen Selbstständigkeit sie mit conservativer Gesinnung hing, an Preußen einverleibt zu sehen.

*) Ihr letzter zweibändiger Roman erschien 1859 unter dem Titel „Aus dem Salonleben“ in Nordhausen. Sie starb a, 5. Oktober 1868.
Von nun an widmete sie sich hauptsächlich der schriftstellerischen Thätigkeit, gab jedoch das Reisen nicht auf und hat seit 1872 jeden Winter in Italien zugebracht, wo sie auch viele italienische Literaten, u. a. den berühmten Andrea Maffei kennen lernte. Ihrer dichterischen Thätigkeit verdanken wir folgende Werke:

   „ H o c h g e b o r e n “, Roman; — „ T o l l e   G e s c h i c h t e n “, ein norddeutscher Roman in zwei Bänden; — „ N e u e   N o v e l l e n “, zwei Bände enthaltend:  G e b o r g e n e s   S t r a n d g u t  und  T r e u e   S e e l e n ; — „ S a r a “, Roman in zwei Bänden; — „ D u r c h   d i e   Z e i t u n g “, zweibändiger Roman; — „ G e s c h i c h t e n   a u s   d e m   E m s l a n d e “, die 1873 in 2. Aufl. erschienen; — „ K i n d e r   d e s   S ü d e n s “, Novellen in zwei Bänden; — der zweibändige Roman „ D i e   f ü n f t e   F r a u “; — „ H e i m a t h - G e s c h i c h t e n “; — „ E m s l a n d - B i l d e r “, Erzählungen aus dem Emslande; — „ D i e   S c h u l e   d e s   H e r z e n s “, Roman in zwei Bänden; — „ N o r d l a n d s g e s c h i c h t e n “, Novellen; — „ I m   S i r o c c o “, Novellen. —

   Mit welcher Naivität, mit welchem Humor schildert uns Emmy v. Dincklage den Beginn ihrer literarischen Laufbahn, der für so viele ihrer Brüder und Schwestern in Apoll ein dornenvoller ist und oft auch bleibt. So sagt sie uns, daß die früher erwähnte Mathilde Marcard ihr nornenhaft zurief: „Ich warne Sie, wenn der Löwe einmal Blut geleckt hat, dürstet ihn immer darnach.“ Nun mit ihrer ersten Erzählung „Das alte Liebespaar“ leckte sie das erste Blut, d. h. elf Thaler Honorar. Später, als sie ihren ersten Roman „Hochgeboren“ verkaufte, stand sie wie ein Schulmädchen vor dem Verleger, der sich gezwungen fühlte, ihr ermutigend zuzureden. Doch nun war ja das Eis gebrochen. Die Kritik nahm ihre beiden erste Werke, den erwähnten Roman und „Tolle Geschichten“ freundlich auf. Es folgten nun 1871 „Neue Novellen“, deren realer Hintergrund die Eigenartigkeit der friesischen Volksthümlichkeit in ihrer historischen und gegenwärtigen Existenz trägt. Der erste Theil derselben mit dem Titel: „Geborgenes Strandgut“, enthält die Erzählungen: „ A n g e l a   W i l m s   u n d   d e r   P r i n z   v o n   O r a n i e n “, — „ E i n   a l t e r  M a n n “, militairischen und aristokratischen Kreisen der Gegenwart entnommen, —„ H e i d e s c h l ä f e r “, worin die Volkseigenthümlichkeit in virtuoser Weise charakterisiert erscheint, — „ D i e   s c h w a r z e n   J u n g f e r n “, in gedrängter Weise jene  Conflikte schildernd, die gläubige Religiosität und die aufgeklärte auf den Ideen der ersten französischen Revolution fußende moderne Ungläubigkeit hervorbringen. Der zweite „ T r e u e   S e e l e n “ überschriebene Band enthält „ F r i e s i s c h e   K ö p f e “, ferner historische „ B i l d e r   a u s   d e m   L e b e n   e i n e r   K ö n i g s t o c h t e r“, welche sich auf die Frau des Grafen Corfiz Ulfeld beziehen, deren Leben Bousseau de la Valette in seinem Werke „Histoire de la comtesse d‘Ulfeld“ schilderte. Der Band schließt mit einer psychologischen Genreskizze: „ A m   D o l l a r t “. — Diese Novellen tragen schon, sowie die späteren Erzeugnisse Dincklage‘s jenes eigenartige Gepräge, das uns an ihr entzückt, jene ihr Erzähltalent charakterisirende wohlthuende Harmonie von beinahe männlicher Kraft und weiblicher Zartheit. Man hat besonders beim Erscheinen dieser Novellen Anlaß genommen, Dincklage‘s Dichtungen mit denen Fanny Lewald‘s in Vergleich zu ziehen, doch sind die poetischen Erzeugnisse der ersteren reicher an dichterischer Innigkeit und Innerlichkeit, — sie hat ein tieferes Gemüth. Sie vergegenwärtigt uns, besonders ist dies in der Erzählung „ F r i e s i s c h e   K ö p f e “ der Fall, den mehr nach innen gewandten, aber eben deshalb auch mehr in sich vertieften Charakter ihrer Landsleute.

   Um Dincklage‘s dichterische Thätigkeit vollkommen zu würdigen, muß man besonders ihre „ G e s c h i c h t e n   a u s   d e m   E m s l a n d e “ ins Auge fassen, jene reizenden Erzählungen, in denen ihr eigenthümliches Talent am entschiedensten ausgeprägt ist, in denen sie auch in formeller Behandlung des eigenartigen Stoffes einen bedeutenden Fortschritt bekundet, und von denen Edmund Höfer sagt: „Man  k a n n  sie nicht blos glauben, man  m u ß  sie glauben.“ Da diese Erzählungen denselben Boden als Hintergrund haben wie „Neue Novellen“, so scheint es mir angezeigt, eine kurze Schilderung jenes interessanten Nordlandes hier folgen zu lassen, wie ich dieselbe einem Aufsatze der liebenswürdigen Schriftstellerin entnehme, den sie unter dem Titel „Das Volkslied des Emslandes“ veröffentlichte. Sie sagt u. a.: „Von Holland und Ostfriesland begrenzt, vor den Ueberschwemmungen des Dollart gesichert, erstreckt sich ein Theil des ehemaligen Königreichs Hannover, den man schlechtweg das Ems- oder Münsterland nennt, ersteres, weil es dem bläulichen weichen Wasser der Ems seine wenigen fruchtbaren Wiesen und Laubholzstrecken zu danken hat, letzteres, weil es früher unter den Münster‘schen Bischofsstab gehörte; auf der Landkarte ist es der größte Theil des Herzogthums Arenberg-Meppen. Vor den bösen Folgen einer übelverstandenen Cultur bis jetzt durch die langen Haiden- und Sandflächen, welche sie umgeben, geschützt, haben die Emsländer — bei einst von den Römern Amsivarier genannt, den Legionen des Varus weichen mußten — noch viel von ihrem ursprünglichen Stammcharakter bewahrt; wie der Dialect von der Breite der benachbarten Landstriche nur die Weiche und Biegsamkeit entlehnte und die allzu derben Ausdrücke etwas moderirte, so fängt diesseits des Grenzsteines ein zwar stetiges, unerschrockenes, aber keineswegs plumpes Volkswesen an, sein Recht zu behaupten. In Holland und Ostfriesland giebt es nur sehr reiche Leute und sehr arme, hiervon unterscheidet sich der Emsländer dadurch, daß auch der Arme noch ein kleines Heimwesen, seine alte magere Kuh, ein Schweinchen, ein paar Hühner und einen Hund hat. Sollte er auch diesen Besitz einbüßen, so wendet er sich an seine Nachbarn, welche gewiß auch schon die Nachbarn einer Reihe seiner Vorfahren waren — denn aus Spekulation wird kein Grundbesitz verkauft — und diese thun für ihn was sie können. Der Emsländer ist nicht bettelhaft, selbst wenn er faktisch bettelt, — „by de Hüse geit“ (bei den Häusern geht); er tritt in einem anständigen Anzug mit Stiefeln oder Holzschuhen ein, setzt sich auf den ersten besten Stuhl und macht nicht den mindesten Versuch, weder jammernd noch drohend, die Gemüther zu erweichen, oft knüpft er eine harmlose Conversation an, oder äußert seine besonderen Wünsche etwa so: alles Viehfutter wäre zu Ende und er müßte Heu haben, oder: Fett ist mir das Liebste! usw. — Wo solche Sitten bestehen können, da lebt der patriarchalische Geist auch noch, den so viele Länder mit dem Rauch der Locomotiven und Dampfmaschinen, mit den Theilungen, Fabriken und Verbesserungen verfliegen und entfliehen sahen, und diese Würde, die das Individuum als sein selbst neben dem Bettelstab unzerstörbares Eigenthum betrachtet, ließ ihn an seinen alten Gewohnheiten, die auf ihn durch viele Generationen vererbt sind, festhalten und ihn Werth auf das Pathos der Volkslieder legen, die er in der hochdeutschen Sprache singt, welche, durch häuslichen Gebrauch unentweiht, er nur in der Kirche und in der frohen Sangesstimmung vernimmt.“

   Ein besonderer Vorzug dieser „Geschichten aus dem Emslande“ ist der, daß die Dichterin uns nicht vielleicht eine Schilderung des an und für sich so originellen Landes und seiner Bewohner bietet, sie versteht es, die handelnden Personen derartig zu zeichnen, ihre Redeweise mit einem so urwüchsigen Colorit zu versehen, daß wir uns mitten unter sie versetzt fühlen und eine klare Vorstellung davon erhalten, wie denn eigentlich ein echter, schlichter Emsländer aussieht, spricht und handelt, sei es der Bauer selbst oder ein Vertreter jenes Landadels, der bei seiner Bildung, Leiden und Freuden des Landmannes, ja oft auch dessen Arbeit teilt. So wie in ihren früher erwähnten Werken, hat sie auch hier gezeigt, daß ihr der Blick ins reiche Menschenherz manch eine schöne Seite enthüllte, worauf sie las, um dann wahr und lebendig zu schildern. Daß dies Volk, mit dessen stillen Wirken und Streben uns die Dichterin bekannt gemacht, nichts von südlicher Leichtlebigkeit weiß, sondern ruhig und gemessen seine Tage verbringt, bedingt jedoch nicht den vollständigen Mangel an glühendem Fühlen des Herzens und dies zeigt sie am deutlichsten in der Erzählung „Die quade Grethe“.

   Heinrich Kurz hat im sechsten Heft des „Salon“ vom Jahre 1873 eine eingehende Lebenskizze E. v. Dincklage‘s erscheinen lassen, worin er in einer ausführlichen Besprechung ihrer Geschichten aus dem Emslande als das gelungenste Stück der Sammlung die Erzählung „Die zehnte Muse“ erklärt. Die in jeder Beziehung anerkennende Skizze war des Literaturhistorikers letzte Arbeit und die Dichterin mag dieselbe mit Recht als einen literarischen Ritterschlag betrachten.

   Alle nun folgenden Werke der Schriftstellerin haben im besten Sinne des Wortes dazu beigetragen, ihr stets neue Freunde zu werben. Als sie „ K i n d e r   d e s   S ü d e n s “ herausgab (Stuttgart bei Simon) war man gerechtermaßen begierig, wie die begabte Frau, deren markiges Talent, der Magnetnadel gleich, stets nach dem Norden weist, die herrlichen Länder des Südens schildern werde. Diese Neugierde der Leser wurde in frappanter Weise befriedigt. Sie fanden die lieben, alten, knorrigen Gestalten, mit welchen sie Dincklage bisher bekannt gemacht, in diesen Kindern des Südens wieder, nur war es eine andere Beleuchtung, die der hesperischen Sonne — der Contrast war wirksam. Auch der Roman „ D i e   f ü n f t e   F r a u “ zeigte wieder ihre herrliche Begabung, ihre geniale Charakteristik, wenn auch die oft grellen Situationen und etwas phantastischen Begebenheiten den Verlauf des ungemein spannenden Romanes hemmen. — Ein Kritiker macht unserer liebenswürdigen Dichterin das Compliment, daß ihr originelles, ursprüngliches Talent reich genug wäre, um damit einem halben Hundert deutscher Schriftstellerinnen noch zu etwas Leben zu verhelfen. —

   Es mag nun noch erwähnt werden, daß die Anerkennung, welche Baronesse Dincklage in ihrer großen Heimath fand, ihr auch im Auslande nicht versagt wurde. Ein großer Theil ihrer Novellen erschien in holländischer Sprache; ihr Roman „Hochgeboren“ wurde vom Grafen Géza Teleky unter dem Titel „Egy rút hölgy története“ (Geschichte einer häßlichen Dame) so wie auch viele ihrer Novellen ins Ungarische übertragen. Auch Amerika hat seinen Tribut gezollt, indem man dort ihre Erzählungen ins Englische übertrug und eine Zeitung in Cincinnati eine Biographie brachte, in welcher die Werke der Dichterin in anerkennendster Weise Erwähnung finden. —

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