Friedrich Bodenstedt


Friedrich von Bodenstedt
Friedrich Martin von Bodenstedt (* 22. April 1819 in Peine; † 18. April 1892 in Wiesbaden) war ein deutscher Schriftsteller und Theaterintendant.









Sprüche


I.

Wer nichts ist, sucht vor den Leuten
Doch gern etwas zu bedeuten.
Mancher gilt für überlegen,
Weil er frech ist und verwegen;
Andre, weil sie höhnisch witzeln
Ueber großer Männer Schwächen,
Mit Nachäffung von Gebrechen
Dummer Lacher Ohren kitzeln.
Das sind Tagesruhms-Gespenster,
Die die Namen in die Fenster
Von berühmten Häusern kritzeln.

II.

Nur wem das Herz seine Schwingen lieh,
Geht ein zu des Ruhmes Thoren;
Es hat der bloße Verstand noch nie
Einen großen Gedanken geboren.

III.

Schweres Leid, das wir empfunden,
Wird vom Glück nicht überwunden:
Die Erinnrung bleibt zurück;
Aber jahrelanges Glück
Ist in wenigen Leidensstunden
Wie ein flücht’ger Traum verschwunden.

IV.

Nach vollem Glück vergebens
Strebst du im Erdenthale;
Schmerz ist der Kern des Lebens
Und Lust nur seine Schale.

V.

Im Glück oft unbewußt
Kommt Dir ein schmerzlich Schauern,
Als ahnte Deine Brust:
Es kann nicht lange dauern!

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Quelle: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Band I, 1867/68, Herausgeber: Ernst Dohm und Julius Rodenberg; Verlag von A. H. Payne, Leipzig